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Kreuzberger Wechselbad der Gefühle

26.06.2008: Berliner Morgenpost

Um 22.34 Uhr fliegen die Hände am Kottbusser Tor in die Höhe, aber es sind die paar Dutzend Hände der deutschen Fans. Hunderte türkische Fans starren fassungslos auf die Leinwand. Philipp Lahm hat im EM-Halbfinale gegen die Türkei zum 3:2 für Deutschland getroffen. Nur Sekunden dauert der Schockzustand der Türken, dann machen sie sich mit Türkiye-Rufen wieder Mut für die letzten Minuten.

"Natürlich klappt das noch", sagt Engin Güner, "wir sind nämlich verrückt." Vier Minuten hoffen er und die anderen Fans in rot-weiß noch, dann ist die EM für sie vorbei. Oder noch nicht? "Der Bessere hat gewonnen", sagt der 16-jährige Fadin. "Jetzt müsst Ihr eben den Pokal holen." Enttäuscht ziehen die türkischen Fans nach Hause. Nur vereinzelt knallen die Böller, die sie für den Sieg bereit gelegt hatten.

Rückblende: Mehr als 90 Minuten lang haben gestern Abend die Türken in Kreuzberg ein Wechselbad der Gefühle erlitten. Führung, Ausgleich, Rückstand, wieder Ausgleich. Um 21.10 Uhr krachen die ersten Böller am Kottbusser Tor. "Türkiye, Türkiye", hallen die Rufe der Fans durch die Betonschluchten. Die Fenster fliegen auf, jubelnde Arme recken sich nach draußen, türkische Flaggen wehen. Vor Sekunden ist das 1:0 für die Türkei im EM-Halbfinale gegen Deutschland gefallen. Die Anspannung weicht aus den Gesichtern der Fans. "Das war der Hammer, Alter", sagt Fatih (15) und sein Bruder Uburcan (13) ist sich schon sicher: "Jetzt werden wir Europameister". Sie ahnen zu diesem Zeitpunkt noch nicht, dass Deutschland nur fünf Minuten später ausgleichen wird.

"Freundschaft soll siegen" Die türkische Fanmeile steht an der Admiralstraße. Mehr als 200 Fans drängeln sich im Vereinsheim des Fußball-Drittligisten Türkiyemspor. Mehrere Hundert feiern draußen auf der Straße vor einer weiteren Leinwand. Für die Türken in Kreuzberg ist das EM-Halbfinale gegen Deutschland das "Spiel des Jahrhunderts". Noch nie standen sich beide Mannschaften in einer derart wichtigen Partie gegenüber. Schon seit Tagen fiebern die Fans der Begegnung entgegen, haben Läden, Autos und Fenster mit türkischen und deutschen Fähnchen geschmückt. "Wir feiern auch, wenn Deutschland gewinnt, schließlich leben wir hier", beteuern alle. Viele tragen eigens gedruckte T-Shirts mit einem Herz auf der Brust - halb schwarz-rot-gold, halb rot mit Halbmond und Stern -, darunter der Schriftzug "Freundschaft soll siegen". Helfer haben Fähnchen verteilt, die auf der einen Seite die türkische Flagge zeigen, auf der anderen die deutsche.

Wahrend viele deutsche Fans sich über die starke erste Halbzeit der Türken wundern, sehen die Türken sich längst nicht mehr in der Außenseiterrolle. "Unentschieden zur Halbzeit, das ist doch keine Überraschung", sagt Halid Aslanhara.

Von einer Niederlage will noch niemand etwas wissen. Deutsche und türkische Fans feiern friedlich, gemeinsam mit den vielen Deutschen, die auch zur Admiralstraße gekommen sind. Türkiyemspor, das ist auch an diesem Abend so etwas wie ein leuchtendes Beispiel für Integration in einem Bezirk mit vielen Problemen. Dafür haben sie in diesem Jahr einen Preis bekommen von Deutschen-Fußballbund. Deshalb kommt die Politprominenz aus Bund und Bezirk ins Vereinsheim, um ein Zeichen zu setzen. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) mischt sich ebenso unter die rot-weißen Anhänger wie Bezirksbürgermeister Franz Schulz (Grüne), der Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele, Sozialsenatorin Heidi Knake-Werner (Linke), der Abgeordnete Özcan Mutlu (Grüne) sowie der Landesintegrationsbeauftragte Günter Piening, der sich freute, das es ihm gemeinsam mit dem Verein Türkiyemspor gelungen war, seit Montag kurzfristig eine "richtige kleine Fanmeile in Kreuzberg" organisieren zu können. Neben den Fähnchen hängen unscheinbare weiße Zettel. Schon vor Tagen hat Türkiyemspor-Sicherheitschef Sahin Armahan sie drucken lassen. "Wir rufen alle Fußball-Fans zu einem respektvollen Miteinander auf", steht darauf. "Egal wie das Spiel endet." Doch bis zum Spielende blieb es überall friedlich. In den Seitenstraßen war aber die Polizei präsent und auf möglicherweise aufflammende Streitigkeiten oder gar Krawalle vorbereitet.

www.morgenpost.de/printarchiv/sport/article610407/Kreuzberger_Wechselbad_der_Gefuehle.html

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