Bildung in der Einwanderungsgesellschaft
Bildung in der Einwanderungsgesellschaft, oder was lernen wir aus PISA-E?
Die jüngste Auswertung der PISA-E Ergebnisse und die Grundschulstudie IGLU un-terstreichen noch einmal deutlich, dass unser Schulsystem in einer Krise steckt. Ein Kernproblem unserer Schulen liegt in einem überkommenen Unterrichtsverständnis: Die Vorstellung, dass möglichst homogene Schülergruppen in der gleichen Zeit das Gleiche lernen, prägt die vorherrschenden Unterrichtskonzeptionen. Damit werden weder Leistungsstarke noch Leistungsschwache gefördert. Das Bildungssystem hat aber die Aufgabe, die Entfaltung der Persönlichkeit zu fördern und die Unterschied-lichkeit der Menschen zu einem zentralen Ansatz von Pädagogik und Didaktik zu machen.
Kinder aus Migrantenfamilien für das schlechte Abschneiden bei PISA verantwortlich zu machen, ist unverantwortlich! Die Trennung in "Inländer" und "Ausländer" ist insti-tutionalisiert in unseren Gesetzen, sie prägt die Gesellschaft und ihre Einrichtungen. Schulen bilden keine Ausnahme - so auch einer der alarmierenden Befunde der PI-SA-Studie, die den engen Zusammenhang zwischen den Bildungschancen und der Herkunft der Jugendlichen eindrücklich belegt. Jugendliche aus sozial schwachen Verhältnissen schneiden am schlechtesten ab und haben es in der Schule offenbar am schwersten. In ganz besonderem Maße trifft dies auf Jugendliche mit Migrations-hintergrund zu. Unser Schulwesen wird weder dem demokratischen Anspruch auf Chancengleichheit noch den Anforderungen des Ausbildungs- und Arbeitsmarktes gerecht. Die jahrelange Unterfinanzierung der Schulen und die versäumten inhaltli-chen Reformen sind der Grund für das schlechte Abschneiden der deutschen Schü-lerInnen - und nicht die Herkunft der SchülerInnen.
Schülerinnen und Schüler mit einem Migrationshintergrund verteilen sich sehr unter-schiedlich auf die verschiedenen Schulformen und Bildungsgänge: Überproportional hoch ist der Besuch Haupt- oder Sonderschule, so auch die Zahl der Schulabgänge-rinnen und Schulabgänger ohne Schulabschluss; deutlich unterproportional ist dage-gen ihr Anteil in Realschulen, den Gymnasien bzw. der gymnasialen Oberstufen. Bil-dungserfolge der Kinder aus Familien ausländischer Herkunft sind wie bei den ein-heimischen Kindern abhängig von den der Familie zur Verfügung stehenden mate-riellen, kulturellen und sozialen Ressourcen. Für die Familien ausländischer Herkunft der ersten Migrantengeneration stellt das Bildungssystem Deutschlands zusätzlich eine Reihe ungewohnter Anforderungen. Häufig fehlt es an Kenntnissen der hiesigen Bildungsinstitutionen, vor allem des gegliederten Schulsystems. Arbeiterfamilien aus-ländischer Herkunft sind daher kaum in der Lage, eine gezielte Wahl der Bildungsin-stitutionen vorzunehmen. Vor dem Hintergrund ihrer geringen bzw. andersartigen Schulerfahrungen ist es Eltern in Arbeiterfamilien ausländischer Herkunft häufig nicht möglich, den Schulalltag zu begleiten bzw. die schulische Stressbelastung ihrer Kin-der aufzufangen. Eltern-LehrerInnen-Gespräche scheitern häufig an der sozio-ökonomischen, kulturellen und sprachlichen Distanz, die Kommunikation wird sogar häufig aus Angst und Unsicherheit vermieden. Demgegenüber konzentrieren sich die Lehrkräfte eher auf ihre fachwissenschaftliche Qualifikation und verfügen selten über fundierte pädagogisch-psychologische Kenntnisse und Kompetenzen in der interkul-turellen Kommunikation. Es überwiegt häufig eine defizitäre Betrachtung und die Bi-kulturalität und Bilingualität der SchülerInnen werden eher als Integrationshindernis denn als Ressourcen betrachtet.
PISA zeigt für die in Deutschland aufwachsenden 15jährigen Jugendlichen mit Migra-tionshintergrund, dass ihre ungünstigeren Lernstände in engem Zusammenhang zu ihren sprachlichen Kompetenzen, insbesondere zur Lesekompetenz stehen. Darüber hinaus wirken sich sprachliche Defizite in Sachfächern kumulativ aus, so dass Ju-gendliche mit unzureichender Lesekompetenz in allen Schulfächern in ihrem Kompe-tenzerwerb beeinträchtigt sind. Da die familiären Sozialisationsleistungen - insbe-sondere in Hinblick auf die Sprachentwicklung, aber auch in Hinblick auf das Ver-ständnis der natürlichen, sozialen und kulturellen Umwelt - bei Familien mit niedri-gem Bildungsstand entsprechend eingeschränkt sind, kommen den Bildungsinstituti-onen besondere Aufgaben zu.
Eine Einwanderungspolitik, die die gleichberechtigte Teilhabe der Zuwanderer zum Ziel hat und sie dazu befähigen will, muss daher neben die gleichberechtigte politi-sche Teilhabe am Gemeinwesen auch die Möglichkeit der sprachlichen Teilhabe er-möglichen. Erst die Verfügung über die deutsche Sprache in Wort und Schrift ermög-licht eine aktive Auseinandersetzung mit der hiesigen Gesellschaft und ihrer Kultur. Oftmals misslingt sowohl der umfassende Erwerb der Herkunftssprache in der Fami-lie wie der Erwerb von Kenntnissen der deutschen Sprache, insbesondere der Schriftsprache. Der Erwerb der deutschen Sprache wird daher für die Einwanderer auch zum Identitätsproblem.
Da Spracherwerb, Sprachfähigkeit und schulischer Erfolg auf das engste verkoppelt sind, muss dem Spracherwerb im Kindergarten und in der Grundschule hohe Auf-merksamkeit gewidmet werden. Ein wesentlicher Mangel im Schulsystem liegt im Fehlen durchschlagender interkultureller Curricula und Schulprogramme sowie in der Abwesenheit Lehrkräften mit Migrationshintergrund im Regelunterricht begründet.
Die Förderung benachteiligter Schülerinnen und Schüler nichtdeutscher Herkunft be-darf dringend einer Neukonzeption, da der Anteil der Schulabbrecher und Schulver-sager unter ihnen unvertretbar hoch ist. Die Unabhängige Kommission "Zuwande-rung" und das Forum Bildung stellen vor diesem Hintergrund übereinstimmend fest, dass die Bildungsbilanz für die Kinder und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im Vergleich zu den deutschen Schülerinnen und Schülern ungünstig ausfalle und es dem hiesigen Bildungssystem offenbar nicht ausreichend gelinge, die Bildungsbarrie-ren für Schülerinnen und Schüler aus Familien mit Migrationshintergrund abzubauen.
Die Beherrschung der deutschen Sprache ist dennoch eine entscheidende Voraus-setzung nicht nur für den Bildungserfolg, sondern auch für eine gleichberechtigte Teilnahme an der Gesellschaft und steht nicht im Widerspruch zum Wunsch mancher ausländischer Familien, die Muttersprache zu pflegen. Daher ist für alle Bildungsein-richtungen eine stärkere multikulturelle und multilinguale Ausrichtung der Kollegien wichtig. Als besonders wichtig ist die Ausbildung und Fortbildung des Lehrpersonals und deren interkulturelle Qualifikation anzusehen. In den verschiedenen Studienfä-chern für das Lehramt muss deutlich werden, wie schulischer Unterricht für Kinder mit unterschiedlichen Sprachkenntnissen und unterschiedlichen kulturellen Hinter-gründen zu planen ist. Dies ist nicht nur im Sprachunterricht, sondern auch in den Sachfächern zu berücksichtigen.
Konsequente Förderprogramme zum Abbau von Sprachdefiziten neben der Förde-rung der Muttersprache, gezielte Maßnahmen zum Erwerb fehlender Schulabschlüs-se sowie strukturverbessernde Maßnahmen für Schulen mit hohem Anteil an Schüle-rInnen nichtdeutscher Herkunft sind in diesem Zusammenhang unabdingbar. Dabei kommt den Kitas als vorschulische Bildungseinrichtung eine große Bedeutung zu. Diese muss sowohl personell, als auch finanziell für die zu bewältigenden Aufgaben gerüstet sein.
Das entlässt allerdings die Eltern und die Familien keineswegs aus der Verantwor-tung. Die besten Bildungsmodelle und Schulprogramme sind (in der Regel) zum Scheitern verurteilt, solange die Elternhäuser, diese als wichtige Erziehungsinstanz nicht begleiten. Deshalb ist es erforderlich die Elternhäuser zu erreichen und sie für eine bessere Bildung ihrer Kinder zu gewinnen. Es notwendig auch die Eltern zu bil-den. Elternbildung, wie sie beispielsweise im Rahmen der Berliner Mütterkurse ge-schieht, ist sehr wichtig. Aus diesem Grund müssen die Mütterkurse finanziell abge-sichert und ausgebaut werden.
Es ist ein Gebot der Stunde "Bildung hat Priorität" nicht zur Wahlkampffloskel ver-kommen zu lassen. Jedes Euro das an der Bildung der Kinder gespart wird, muss die Gesellschaft zukünftig dreifach zurückzahlen!




