Kritik an Erdogans Forderung
25.03.2010: Tagesspiegel
Erdogans Forderung nach türkischen Gymnasien in Deutschland trifft auf Kritik. "Es gibt bereits türkische Gymnasien in unserem Land. Spezielle Bildungsangebote für türkischstämmige Kinder und Jugendliche fördern aber nicht die Integration.", sagte die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer.
Die Forderung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan, in Deutschland türkische Gymnasien einzurichten, hat Kritik hervorgerufen: Die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), hält die Forderung für daneben. Erdogan ignoriere die deutsche Schullandschaft, sagte die Staatsministerin am Donnerstag in Berlin. "Es gibt bereits türkische Gymnasien in unserem Land. Spezielle Bildungsangebote für türkischstämmige Kinder und Jugendliche fördern aber nicht die Integration", sagte Böhmer.
Der türkische Regierungschef hatte in einem Interview in der "Zeit" bemängelt, dass in Deutschland die Einsicht dafür fehlt dass hier lebende Türken zuerst ihre eigene Sprache beherrschen müssen, bevor sie gut Deutsch lernen. "In der Türkei haben wir deutsche Gymnasien - warum sollte es keine türkischen Gymnasien in Deutschland geben?", fragte Erdogan. Er hatte das 2008 schon mal gefordert.
Türkische Schulen in Deutschland halten auch Berliner Politiker für den falschen Ansatz. "Ich finde es ebenfalls schade, dass viele türkische Kinder ihre Muttersprache nicht gut beherrschen", sagte etwa Bilkay Öney von der Berliner SPD. Aber man brauche dafür keine türkischen Schulen einrichten. "Es reicht durchaus, wenn an deutschen Schulen türkische Sprachkenntnisse vermittelt werden." Angebote dafür gäbe es bereits.
Özcan Mutlu macht das Beharren des türkischen Staatsmannes auf gesonderte Bildungseinrichtungen stutzig: "Die meisten Schulen, die in Deutschland von Türken gegründet werden, gehören zur Gülen-Sekte", sagt der bildungspolitischer Sprecher der Grünen. Allein in Berlin gäbe es bereits drei solcher Einrichtungen. "Dass Erdogan weitere fordert, macht mich skeptisch."
Die Bewegung um den selbsternannten islamischen Reformer Fetullah Gülen ist höchst umstritten. Seine Anhänger betreiben weltweit tausende Nachhilfe-Institute, Schulen und Universitäten. Dabei geht es der Gülen-Bewegung darum, durch die eigenen Bildungseinrichtungen eine muslimische Elite heranzuziehen, wie sie selbst erklärt. Kritiker sehen in der Gülen-Bewegung eine islamische Form der Scientology-Sekte. Zwölf Schulen gibt es in Deutschland, die der Gülen-Bewegung nahestehen. Auch Premierminister Erdogan wird in der Türkei eine Nähe zur Gülen-Bewegung nachgesagt.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) reist in der kommenden Woche zu einem zweitägigen Besuch in die Türkei. Am Montag kommt Merkel in Ankara zu Gesprächen mit dem türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan und dem türkischen Staatspräsidenten Abdullah Gül zusammen. Menschenrechtler fordern von der Kanzlerin nun, dass sie sich dort für die Einführung von Kurdisch als Unterrichtssprache einsetzt. "Es kann nicht sein, dass ein türkischer Ministerpräsident Gymnasien für türkische Einwanderer in Deutschland fordert und gleichzeitig im eigenen Land für 15 Millionen alteingesessene kurdische Bürger keine einzige Schule in deren Muttersprache zulässt", sagte der Bundesvorsitzende der Gesellschaft für bedrohte Völker, Tilman Zülch. (mit ddp und DPA)
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