Wir sind auch Deutschland
03.09.2010: The European
Einwanderungsgesellschaften sind selten frei von Konflikten. Niemand bestreitet, dass es Probleme gibt, im Gegenteil – es gibt viele! Integration ist eben ein wechselseitiger Prozess und kein fortwährendes Straßenfest.
Da kommt der ehemalige Berliner Finanzsenator, der acht Jahre die Finanzgeschicke der Hauptstadt geleitet hat und für viele Streichungen und Kürzungen, vor allem in den Bereichen Jugend, Bildung, aber auch Integration verantwortlich ist, daher und lässt sich nicht nur über MigrantInnen aus, die ein fester Bestandteil dieser Einwanderungsstadt sind, sondern bedient sich rassistischer Klischees und schürt Angst und Ressentiments. Traurig, dass viele Menschen in ihm den Überbringer der schlechten Nachrichten sehen, der sich angeblich nur in der Wortwahl vergriffen hat. Dabei sind seine wiederholten rassistischen Sprüche keine Ausrutscher, sondern zeigen, welch Geistes Kind er ist.
Wir haben in der Tat Probleme in unserer Einwanderungsgesellschaft. Für diese Probleme brauchen wir Lösungen. Herr Sarrazin bietet keine Lösungsvorschläge, er spaltet die Gesellschaft mit seinen Hasstiraden und vergiftet das Klima des Zusammenlebens. So wird Integration unmöglich. Mit seinen jüngsten Äußerungen zur Genetik und dem Nutzwert von bestimmten Ethnien für Deutschland bedient er niedere Instinkte und betritt rassistisches Terrain.
Ich mag die Berliner Schnauze
Sarrazin und seinesgleichen wird es immer wieder geben. Aber Berlin bleibt Berlin, vielfältig, bunt, reich an Kulturen und verschiedenen Lebensentwürfen. Vielleicht liebe ich diese Stadt, weil sie so viele Widersprüche in sich vereint und zugleich kulturell so reich und vielfältig ist. Oder weil bei jeder Fußball-WM das Bekenntnis zu Deutschland in den Farben der deutschen Demokratie im Fahrtwind junger Berliner Türken mitflattert. Dieser Fahrtwind bläst freilich kein einziges der Integrationsprobleme weg, denen sich Politik und Gesellschaft, Mehrheitskultur und Einwanderer-Community zu stellen haben. Doch er ist immerhin ein Hinweis, dass integrationspolitisch in diesem Land Windstille nur für jene herrscht, die schon immer alle Fenster und Türen von innen verrammelt haben.
Ich mag die Berliner Schnauze und die Currywurst als Berliner Wahrzeichen, wie ich auch den Döner-Kebab mag, der zu einem wichtigen Wirtschaftsfaktor unserer Stadt gehört. Berlin wäre im wörtlichen Sinne arm dran ohne die Wirtschaftsleistung all der Immigranten und ihrer Kinder und Enkel, erst als “Gastarbeiter” in der Industrie und später dann auch als Gewerbetreibende und Unternehmer in allen möglichen Branchen. Berlin zählt allein 6.000 türkischstämmige UnternehmerInnen unterschiedlichster Größe, die nahezu 25.000 Jobs geschaffen haben. Immigration bedeutet auch vielfältigste kulturelle Impulse, wie es uns der Filmemacher Fatih Akin, der Schriftsteller Feridun Zaimoglu, der Fußballvirtuose Mesut Özil und viele andere mit Bindestrich-Identitäten tagtäglich zeigen.
Das ist mein Berlin und ich liebe es
Diese Mischung bietet Chancen. Es macht mir Spaß, beim libanesischen Bäcker nebenan leckere Croissants zu kaufen und beim vietnamesischen Kiosk einen Cappuccino zu schlürfen. Nur in Berlin und bei Blumen-Dilek kann ich zu jeder Tageszeit frische Tulpen aus Holland für meine Frau besorgen oder bei Smyrna leckere Hülsenfrüchte aus Israel kaufen. Es macht mir Spaß, meine amerikanischen Freunde nach “Klein-Istanbul” zu führen, damit sie im Hasir-Restaurant die Vorzüge der türkischen Küche erleben können. Ich genieße es jedes Mal, im Ballhaus Naunynstraße der melancholischen Stimme von Mario Rispo zu lauschen, der als Italo-Deutscher in akzentfreiem Türkisch von unerfüllter Liebe am Bosporus singt. Das ist mein Berlin und ich liebe es, sollen Rassisten à la Sarrazin sagen, was sie wollen!




