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Polizeidirektor Gary Menzel: Der Brückenbauer

17.10.2010: Berliner Kurier

Im großen Topf köchelt Weiße-Bohnen-Suppe mit Fleisch. Auf dem hölzernen Tisch liegt ein Koran in Deutsch. Daneben ein kleines silbernes Kärtchen mit einem Islam-Vers, der mit der Lobpreisung von Allah beginnt. Ismail hat sie aus der Moschee mitgebracht und Gary Menzel in die Hand gedrückt: „Sie möge dich beschützen!“ Das war vor einem halben Jahr, als Gary nach Kabul aufbrach. Heute ist er zurück in Kreuzberg. Unversehrt. Wir sitzen in Ismails Bistro in der Dresdner Straße und trinken Tee, der hier „Chai“ heißt.

Vor fünf Jahren setzte sich Gary Menzel das erste Mal an einen dieser Tisch, rief „Chai, bitte!“ Er trug seine grüne Uniform. Damals hatte ihn der Polizeipräsident gefragt, ob er es sich zutraue, den Bezirk SO 36 im tiefsten Kreuzberg zu übernehmen. Der Polizeidirektor, dessen Schreibtisch in Schöneberg stand, brauchte keine Sekunde Bedenkzeit: „Was für eine Herausforderung!“

Die größte Herausforderung war jung, wild und auf Krawall gebürstet. Türkische Kids ohne oder mit zu wenig Taschengeld und viel zu viel Zeit, die es totzuschlagen galt. Irgendwann wurden aus Herumlungernden Kriminelle. „Jeden Tag ein Raub in SO 36. Die Täter zwischen 14 und 25. 90 Prozent mit Migrationshintergrund, das war die Realität.“ Gary suchte Verbündete im Kampf um die Wirrköpfe, denen er klar machen wollte, dass Raub kein Kavaliersdelikt ist und der beste Weg, sich die Zukunft zu verbauen. Eines Morgens zog er sich seine grüne Uniform an, stieg die Stufen zum Abgeordnetenhaus rauf, klopfte an die Tür von Özcan Mutlu.

„Zwei Grüne. Er mit grüner Uniform, ich mit grünem Parteibuch in der Tasche“, erzählt der Mann mit dem freundlichen, rundlichen Gesicht und runder Brille auf der Nase. Mutlu ist gerade ins Bistro geschneit, um Gary Hallo zu sagen. Mutlu ist nicht nur bildungspolitischer Sprecher von Bündnis 90/Grüne, er ist gebürtiger Türke und Kreuzberger. Er war der richtige Mann, öffnete dem Polizisten Türen und Herzen. Gary gründete 2007 „Stopp Tokat“, eine Netzwerkinitiative gegen Gewalt, zu der auch Comedian Murat Topal und Kultfigur Tiger Kreuzberg gehören.

Eines Tages machte sich Gary auf zur prachtvoll verzierten Sehitlik-Moschee am Columbiadamm. Er hockte sich in seiner grünen Uniform im Schneidersitz zwischen die muslimischen Männer, während der Imam beim Freitagsgebet diesmal die Gewalttätigkeit ins Gebet nahm.

Menzel kennt die Moschee in Neukölln gut. So gut, dass er einmal in die Rolle des Erklärers schlüpfte, als die geplante Führung ausfiel. Er pries Berlins schönste Moschee und erinnerte an Gebetsräume, die sich einst auf Schönebergs Hinterhöfen versteckten. Er kennt die fünf Säulen des Islam, hat viel gelernt in den fünf Kreuzberger Jahren. Erfahrung, die ihm nun in Afghanistan Türen öffnet – als Polizeiausbilder am Hindukusch.

„Die Polizei hat hier einen extrem schlechten Ruf, gilt als korrupt, gewalttätig. 30 Jahre Krieg in diesem Land. Wie soll da normale Polizeiarbeit wachsen? 80 Prozent der Leute, die sich melden, können nicht schreiben, nicht lesen. In Afghanistan schickt, wer es sich leisten kann, den Erstgeborenen nicht zur Polizei sondern zur Uni.“ Die „Eupol“ mit Spezialisten aus 29 Nationen will eine bürgernahe Truppe aufstellen, eine, zu der Afghanen Vertrauen fassen.

Im gepanzerten Fahrzeug, mit Splitterschutzweste, Notfall-Rettungspaket und seiner Waffe macht sich Gary Menzel auf den Weg. Nein, Angst habe er nicht, er sei ja mit Gefahr aufgewachsen, sei Polizist. In Kreuzberg habe er die „muslimische Denke“ mitgekriegt, sagt er.

„Alemanyi gutt!“, wurde Gary Menzel in den Straßen Kabuls hinterher gerufen. Einmal von einem Bauarbeiter auf einem Dach. Einmal von einem Händler auf einem Roller, der freudestrahlend seinen Daumen hob.

Sein Leben in Kabul ist ein eingeengtes. Marathonläufer Menzel, der die 25 Kilometer vom Häuschen am Wald von Spandau zum Arbeitsplatz locker schaffte, kann dort nicht durch die Straßen joggen.

Doch jeden Samstagmorgen macht sich der gebürtige Spandauer auf vom Eupol-Hauptquartier zum 13 Kilometer entfernten „Camp Warehouse“ der Bundeswehr am Stadtrand. Er geht in die Kirche. So heißt die Kneipe, die für zwei Stunden zum Gebetsort umfunktioniert wird. Im Juni erlebte er einen ökumenischen Gottesdienst, den er ihn nie vergessen wird. Ein Vertreter des Vatikans, ein italienischer Monsignore, predigte in Englisch. Das Vaterunser murmelte jeder in seiner Sprache: portugiesisch, italienisch, kroatisch, polnisch, estnisch, deutsch.

Nächsten Samstag wird Gary Menzel wieder dort sein, beim Gebet. „Pass auf dich auf!“, hieß es, als er sich von seiner Frau, den beiden Kindern, der Mutter, den Freunden und Kollegen verabschiedete, um das zweite Halbjahr in Kabul anzutreten. Manchmal, an einsamen Abenden, wird er in den Bunker gehen. Er wird zur E-Gitarre greifen und Beatles-Songs spielen.

Berliner Kurier, 17.10.2010

www.berlinonline.de/berliner-kurier/berlin/polizeidirektor_gary_menzel_gruendete_in_kreuzberg_eine__initiative_gegen_gewalt_der_brueckenbauer/314886.php

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