Freunde und Politiker erinnern an "Ehrenmord"-Opfer Hatun Sürücü
07.02.2007: SZ-Online
Berlin - Am Jahrestag des "Ehrenmordes" an Hatun Sürücü haben am Mittwoch Freunde und Bekannte an die vor zwei Jahren in Berlin getötete Deutsch-Türkin erinnert. Mehrere Dutzend Menschen fanden sich am Tatort in der Oberlandstraße in Tempelhof ein und legten Blumen und Kränze nieder. Zu den Gedenkenden gehörten die Grünen-Abgeordneten Franziska Eichstädt, Bilkay Öney, Özcan Mutlu und Dirk Behrendt, die zu einer Mahnwache aufgerufen hatten. Der Tempelhofer Bezirksbürgermeister Ekkehard Band (SPD) hielt eine Rede.
Die 23 Jahre alte Hatun Sürücü war am 7. Februar 2005 von ihrem jüngeren Bruder an einer Bushaltestelle erschossen worden, weil sie sich von ihrer muslimischen Familie gelöst hatte und ihr eigenes Leben lebte. Sie hinterließ einen kleinen Sohn. Das Berliner Landgericht verurteilte den geständigen Mörder im April 2006 zu einer Jugendstrafe von neun Jahren und drei Monaten. Ausreichende Beweise für eine Verstrickung anderer Familienmitglieder in das Verbrechen sah das Gericht nicht. Die beiden mitangeklagten älteren Brüder wurden freigesprochen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Über den Revisionsantrag der Staatsanwaltschaft hat der Bundesgerichtshof noch nicht entschieden.
"Zynismus und Heuchelei"
Bei der Mahnwache kam es zu einem Zwischenfall, als ein Rechtsvertreter der Familie Sürücü eine Erklärung verlas, in der die Familie den Tod der jungen Frau bedauerte und Trauer bekundete. Umstehende forderten den Sprecher in lauten Unmutsbekundungen zum Schweigen auf. Sie warfen der Familie unerträglichen Zynismus und Heuchelei vor.
Am Nachmittag zeigen die Grünen im Abgeordnetenhaus den Dokumentarfilm "Crime: Berlin" über den Tod Hatun Sürücüs. Zu der anschließenden Diskussion hatte sich auch die Parteivorsitzende Claudia Roth angekündigt.
Parallel zu der Gedenkveranstaltung sollte am Abend die deutsch- türkische Rechtsanwältin Seyran Ates den Margherita-von-Brentano- Preis der Freien Universität (FU) erhalten. Damit sollte ihr Engagement für die Rechte von in Deutschland lebenden Frauen und Mädchen mit Migrationshintergrund gewürdigt werden. Die mit 11000 Euro dotierte Auszeichnung ist einer der wichtigsten Frauenförderpreise in Deutschland.
Die bereits mehrfach mit Auszeichnungen bedachte Frauenrechtlerin Ates hatte im vergangenen Jahr aus Angst vor Bedrohungen aus der muslimischen Männerwelt ihre Anwaltstätigkeit aufgegeben. Ermuntert durch zahlreiche Solidaritätsbekundungen will die 43-Jährige nun aber doch im Sommer in ihren Beruf zurückkehren und sich einer größeren Kanzlei oder Institution anschließen. Den türkischen Migranten und Verbänden in Deutschland warf sie vor, zu wenig gegen die Frauenunterdrückung zu unternehmen. (dpa)




