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Dialog statt Drohkulisse

06.04.2011: The European

Die Integrationsdebatte wird immer mehr zu einer Islamdebatte. Dabei leben die meisten Muslime ganz unprätentiös und modern ihren Glauben. Mit diesen Menschen muss die Politik in den Dialog treten und Integrationspolitik diskutieren - und kann damit gleichzeitig den Fundamentalisten das Wasser abgraben.

Das Nebeneinander von Menschen verschiedener Herkunft überfordert uns angeblich seit jeher und ganz besonders jetzt. Die Religion ist inzwischen in den Mittelpunkt gerückt und der „Islam“ prägt die Debatte. Spätestens seit dem 11. September 2001 befindet sich der Islam in der Schusslinie, weil sich durch das nach wie vor unglaubliche Ereignis die westlichen Gesellschaften ihrerseits in der Schusslinie des Islam fühlen. Jeder Terroranschlag, der seitdem von sogenannten Islamisten irgendwo auf der Welt verübt wurde, hat die Konturen dieses Feindbildes verschärft.

Religion bleibt Religion Deshalb muss immer wieder an den Gemeinplatz erinnert werden, dass der sogenannte „islamistische Terror“ und der Islam keineswegs identisch sind. Die wenigsten bei uns lebenden Moslems vertreten einen anti-liberalen, anti-westlichen Islam. Die überwältigende Mehrheit erkennt die Verfassung der Bundesrepublik an und ist längst in der Gesellschaft angekommen. Religiöser Fanatismus ist ihnen genauso fremd wie den allermeisten Katholiken hierzulande. Sie leben unprätentiös ihre angestammte Religion aus – genauso, wie es Katholiken und Protestanten auch tun.

Der Dialog und die Auseinandersetzung mit dem Islam sind keine automatische Terrorprävention – aber bitter nötig. Diese Auseinandersetzung als verhärteten Kulturkampf zu führen, wäre genauso fatal wie ein von falsch verstandener Toleranz weich gespülter Scheindialog, der den Konfliktfeldern zwischen westlicher Moderne und traditionell-religiösen Vorstellungen aus dem Wege geht. Ein Islam, der einen eigenständigen Platz in der europäischen Kultur findet, wäre für fanatische Gestörte ein ungeeignetes Rekrutierungsfeld. Insofern leistet ein intelligenter Dialog mittelfristig einen wichtigen Beitrag zur Terrorprävention. Der wechselseitige Respekt und die Anerkennung der Andersartigkeit sind dafür unabdingbar. Daher war die Einberufung der Islamkonferenz richtig und wichtig. Was Not tut, sind allerdings konkrete Taten. Dazu zählen die Anerkennung von Moscheen im Stadtbild samt Minarett genauso wie die interreligiöse Unterweisung in den Schulen. Das sollte auch der neue Innenminister verstehen, statt mit unbedachten Worten die jahrelange Arbeit seiner Vorgänger kaputt zu machen. Unser Bundespräsident hat recht: Der Islam gehört zu Deutschland und ist Teil unserer abendländischen Kultur. Wo wären wir heute ohne Errungenschaften, die von der arabischen Halbinsel und über Andalusien zu uns kamen? Wo wäre unsere Mathematik ohne die arabischen Zahlen, die Astronomie, die Medizin etc. ohne den Einfluss vieler islamischer Gelehrter!

Für die Freiheit Wenn ein friedliches Miteinander in der Gesellschaft angestrebt wird und Integration gewollt ist, ist der Dialog unentbehrlich. Keine produktiven Beiträge sind dagegen undifferenzierte Schuldzuweisungen von selbsternannten ExpertInnen und die aus bestimmten politischen Richtungen immer wieder zu hörende Forderung nach schärferen Sicherheitsgesetzen. Freiheitsrechte sind ein zu hohes Gut, um sie zur Manövriermasse juristischen und polizeilichen Effizienzdenkens zu machen, das im Hinblick auf echte Terrorprävention und -bekämpfung ohnehin nur vordergründig einleuchtet. Freiheitsrechte müssen sich gerade dann bewähren, wenn sie von einem falschen Realismus zur Disposition gestellt werden. Die bestehenden Instrumente und Gesetze reichen nach meinem Erachten aus. Einschränkungen persönlicher Freiheiten und von Bürgerrechten stellen eine falsche Antwort dar. Sie führen zur Stigmatisierung und machen den Dialog unmöglich. Damit wird genau denen in die Hände gespielt, die jungen Muslimen eintrichtern wollen, dass der „Westen“ sie nur unterjochen will.

von Özcan Mutlu – 06.04.2011

www.theeuropean.de/oezcan-mutlu/6268-dialog-mit-dem-islam

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