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Die neuen Klassenunterschiede

01.02.2007: DIE ZEIT

Das Gefälle zwischen guten und schlechten Grundschulen in Deutschland nimmt zu. Besonders extrem in Berlin. Doch unter schwierigen Bedingungen wird oft hervorragende Arbeit geleistet.

Als dem Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit vor einigen Wochen die Frage gestellt wurde, ob er seine Kinder in Kreuzberg zur Schule schicken würde, antwortete er mit einem offenherzigen "Nein". Und fügte hinzu: Er könne "auch jeden verstehen, der sagt, dass er da seine Kinder nicht hinschickt". Es folgte laute Empörung ? teils echt, teils geheuchelt, wie immer, wenn Politiker einmal sagen, was sie denken.

Vergangene Woche hat Wowereit dem öffentlichen Druck nachgegeben. Er hat Fototermine an Kreuzberger Schulen absolviert und vielen, vielen Kindern freundlich die Hand geschüttelt. Doch, doch, er würde seine hypothetischen Kinder sehr wohl auf Kreuzberger Schulen schicken, ließ er reuig verlauten.

Geglaubt hat ihm das natürlich niemand mehr. Auch den fatalen Eindruck, dass ganze Viertel in Berlin längst abgeschrieben sind, konnte seine Stippvisite nicht aus der Welt schaffen. Der Bürgermeister hatte ja ohnehin nur ausgesprochen, was viele denken und klammheimlich praktizieren. Eine Umfrage ergab, dass zwei Drittel der Berliner ihre Kinder auch nicht auf die besagten Schulen schicken würden.

Spätestens wenn die Schulpflicht dräut, werden viele Familien von Kreuzberg bis Wedding zu Nomaden oder Scheinnomaden. Man zieht um oder besorgt sich eine falsche Adresse, um nur ja sein Kind nicht in dem Kiez einzuschulen, dessen billige, große Wohnungen und internationales Flair man sonst so sehr schätzt. Bildungsbewusste Deutsche, auch aufstiegsorientierte Migranten verlassen die Problembezirke.

So findet an den Schulen der Brennpunkte eine immer schärfere soziale Segregation statt. Zurück bleibt eine zunehmend ethnisch eingefärbte Unterschicht von Bildungsverlierern. Der Prozess der gesellschaftlichen Entmischung, der das ganze Land erfasst hat, wird in Berlin besonders deutlich sichtbar, weil der Gegensatz von Arm und Reich hier von ethnischen, kulturellen und religiösen Gegensätzen überlagert wird.

Die Frage, welche Schule für ihr Kind die richtige ist, treibt Eltern überall in Deutschland um. In einer Stadt wie Berlin stellt sie die Väter und Mütter indes vor besonders viele und besonders schwierige Alternativen. Die Entscheidung für eine Schule ist immer auch eine Entscheidung für ein Menschenbild und ein Gesellschaftsmodell. Wie man diese Frage beantwortet, berührt unausgesprochen eine andere, die sich hinter ihr verbirgt: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? Und in welcher sollen unsere Kinder einmal leben?

Was eine gute Schule ist, zeigt sich im schwierigen Umfeld schneller

Es lohnt sich darum, einen Blick auf Schulen in den sogenannten sozialen Brennpunkten zu werfen. Was eine gute Schule ist, zeigt sich nämlich unter schwierigen Bedingungen schneller und deutlicher als dort, wo engagierte Eltern und ein intaktes Umfeld für gute Voraussetzungen sorgen und Schwächen ausgleichen können. Was die Schule heute alles können muss, sieht man in Problemvierteln wie unter einem Brennglas. "Wenn wir als Schule versagen", sagt Karin Babbe, Schuldirektorin in Berlin-Wedding, "schlägt das sofort durch." Ihre Schüler haben kein Netz, das sie auffängt, wenn der Unterricht schlecht ist, sie kommen zu 80 Prozent aus Elternhäusern unter der Armutsgrenze. 52 Prozent der Eltern im Einzugsbereich sind arbeitslos, 72 Prozent haben keine Lehre, 18 Prozent nicht einmal einen Schulabschluss. 85 Prozent der Kinder entstammen Migrantenfamilien.

Trotzdem hat Karin Babbe die Erika-Mann-Grundschule zu einer weit über Berlin hinaus renommierten Institution gemacht, zu einem pädagogischen Leuchtturm.

Er leuchtet auch darum so hell, weil sich das Panorama der Berliner Bildungslandschaft zusehends verdüstert. Dass Berlin eine Multikultistadt sei, ist ein Mythos, der durch den alljährlichen "Karneval der Kulturen" gepflegt wird. In den Schulen aber gibt es immer weniger interkulturelle Vermischung. Unübersehbar sei vielmehr die Tendenz zu monokulturellen "ethnischen Kolonien", wie es der Politologe Stefan Luft nennt. In der gesamten Hauptstadt hatten im letzten Schuljahr 25 Prozent der Schüler eine "nichtdeutsche Herkunftssprache" (im Amtsjargon: ndH). Sie konzentrieren sich vor allem in Wedding, Kreuzberg, Tiergarten und Neukölln, sodass dort mittlerweile drei Viertel der Schulen über 50 Prozent Migrationsanteil aufweisen. Die Kreuzberger Eberhard-Klein-Oberschule wurde 2005 berühmt als die erste deutsche Schule ohne einen einzigen Schüler mit Deutsch als Muttersprache. Zehn Jahre zuvor war hier noch jeder dritte Schüler deutschstämmig.

Die Schlagzeilen um die 100-Prozent-Schule sind wieder vergessen, aber die Bildungssegregation geht weiter. An der einzigen Realschule Kreuzbergs, der Borsig-Schule, stieg der Anteil nichtdeutscher Schüler von einem Viertel im Jahr 2000 auf 86 Prozent im Jahr 2005. In Kreuzberg beträgt der durchschnittliche ndH-Anteil 80 Prozent, in Nord-Neukölln 72 Prozent, und in Wedding sind es 76 Prozent.

Kann man es Eltern vorwerfen, wenn sie ihre Kinder "da nicht hinschicken" (Wowereit) wollen? Woran man eine gute Schule erkennt, darüber gehen die Meinungen auseinander. Aber dass man eine schlechte Schule daran erkennt, dass sie zu viele ndH-Kinder hat, hat sich in den Köpfen festgesetzt. Hat nicht die Pisa-Studie gezeigt, dass schon ab einem zwanzigprozentigen Anteil von Migranten, in deren Familie Deutsch nicht Umgangssprache ist, die durchschnittlichen Schulleistungen erheblich sinken?

Moralisieren hilft nicht: Gut gemeinte Formeln wie der Aufruf des neuen Berliner Bildungssenators Jürgen Zöllner, man solle "Migration als Chance begreifen", werden bildungsbewusste Eltern nicht davon überzeugen, ihre Kinder in eine Schule zu schicken, wo sie zu einer kleinen Minderheit gehören werden. Sie wissen zwar, dass sie mit ihrer Entscheidung die Lage abermals verschärfen, aber sie nehmen doch lieber ein schlechtes Gewissen in Kauf, als ihrem Kind die Folgen einer gescheiterten Bildungs- und Integrationspolitik aufzuhalsen.

Karin Babbe allerdings muss dieser Tage 14 Eltern eine Absage erteilen, die ihre Kinder unbedingt bei ihr im tiefsten Wedding einschulen wollten. An der Erika-Mann-Schule ist das Prinzip des festen Einzugsbezirks aufgehoben worden, weil die Schule an einem Versuch über notenfreies Lernen bis zur vierten Klasse teilnimmt. Die Direktorin kann darum erstmals in gewissen Grenzen die neuen Schüler auswählen. Sie sähe gern das Sprengelprinzip insgesamt aufgehoben: "Diejenigen Schulen, die Angst vor den Folgen dieser Aufhebung haben, haben wahrscheinlich ihre Hausaufgaben nicht gemacht." Babbe selbst beweist, dass eine Freigabe keine Fluchtbewegung auslösen muss (siehe auch Seite 59, Bleiben oder gehen?). Dass eine Weddinger Schule mehr Bewerber als Plätze hat, ist eigentlich eine Sensation. Sie hat freilich eine Vorgeschichte.

Als Karin Babbe vor einem Jahrzehnt in den Wedding kam, fand sie eine Schule vor, die alle Hoffnung hatte fahren lassen. Das Gebäude aus dem Jahr 1915, mit strengen, langen Fluren, war ungastlich, ja heruntergekommen. In manchen Klassen gab es ? entsprechend der sozialen Instabilität des Kiezes ? eine Fluktuation von 100 Prozent im Schuljahr. Heute ist die Erika-Mann-Schule ein Stabilitätsfaktor in der "überforderten Nachbarschaft" (Karin Babbe) des Weddings geworden. Sie ist völlig umgestaltet worden zu einem freundlichen und gepflegten Haus, in dem die Schüler sich gern aufhalten.

Frau Babbe hat die Kinder an der Planung und Umsetzung beteiligt. Das Schülerparlament entwickelte die Idee der "Silberdrachenwelt", die schließlich von einer Architektin zusammen mit Studenten der Technischen Universität realisiert wurde. Jedes Stockwerk nimmt auf andere Weise das Drachenmotiv auf. In einem Flur sind die Garderobenschränke wie Drachenschuppen gestaltet, in einem anderen lassen sich Tische und Bänke ausziehen, die wie Drachenflügel geformt sind, und im obersten Stock erinnert die Deckenlampenkonstruktion an die Bewegung eines Drachenschwanzes im Flug.

Das ganze Schulgebäude ist zu einem offenen Lernraum geworden. Die Gänge werden genutzt, um in differenzierten Kleingruppen gezielt zu fördern. Man sieht hier und da Lehrer, Erzieher oder ehrenamtliche Vorleser mit einzelnen Kindern Betonung üben, Rechenaufgaben lösen oder einfach eine Geschichte lesen. Alle Klassen sind "doppelt gesteckt" ? das heißt, sie werden regulär von zwei Lehrkräften betreut. Es kommt aber sogar vor, dass die Klassen bis zu vier Betreuer haben ? einen Lehrer, eine Erzieherin, eine Praktikantin und eine freiwillige Vorleserin.

Der Kern des pädagogischen Konzepts ist an der Erika-Mann-Schule die Theaterarbeit. Zwei Stunden wöchentlich stehen auf jedem Stundenplan. Den Theater-Schwerpunkt hat die Schule aus der Not für sich entdeckt. "Die übliche Fremdsprachendidaktik war für uns unbrauchbar", sagt Karin Babbe. "Denn dabei geht man von einer Basiskompetenz in einer Herkunftssprache aus. Unsere Kinder kommen aber an die Schule mit einer doppelten Halbsprachigkeit. Die können weder genug Türkisch oder Arabisch noch genug Deutsch."

Im Theaterkurs lernen Kinder die feinsten Sprachnuancen

In den Theaterkursen wird die Sprache für die Schüler erfahrbar. Man kann das an dem Projekt einer 3. Klasse sehen, die gerade eine Choreografie zu Vivaldis Vier Jahreszeiten probt. Charakterschulung durch die Kunst ? ähnlich wie sie in dem berühmten Film Rhythm is it gefeiert wurde, in dem die Berliner Philharmoniker mit Kindern aus Berliner Problemvierteln ein Tanzprojekt einstudieren ? ist an der Erika-Mann-Schule Alltag.

"Zuhören, Aufnehmen, Umsetzen, Durchhalten" steht an der Tafel des Probenraums. Die Kinder stellen Blumen im Frühling dar. Sie sind alle aus Einwandererfamilien, manche Mädchen mit Kopftuch. Um die richtige Bewegung mit den bunten Tüchern zu machen, die die Blüten darstellen, müssen sie die Nuance zwischen den Begriffen "erblühen" und "aufblühen" lernen. Die Lehrerin spielt den Unterschied vor, die Worte werden im Spiel zur Geste. "Die Kinder werden diese feine Differenz nie wieder vergessen", erklärt Karin Babbe. "Sie bekommen bei uns einen spielerischen, schöpferischen Zugang zur Sprache."

Die Schüler schreiben ihre eigenen, einfachen Stücke, arbeiten mit an der Dramaturgie und stehen am Ende auf der Bühne. Sie entwickeln dabei Selbstbewusstsein, sie bekommen ein Gefühl für ihren Körper und auch dafür, wie die anderen Mitspieler die eigenen Gesten sehen. Sie lernen, aus sich herauszugehen, sich darzustellen und die anderen zu "lesen". Das ist auch noch praktisches Empathietraining mit gewaltpräventiver Wirkung ? ohne dass diese Begriffe jemals fallen.

Alles ist darauf abgestellt, die Schule zu einem angenehmen Ort zu machen, für den die Schüler selbst Verantwortung übernehmen. Sie regeln die meisten Konflikte eigenständig durch ein Team von Konfliktlotsen, das von zwei Sozialarbeitern ausgebildet und betreut wird. Auch das hässliche Schrillen der Pausenklingel wurde abgestellt. Nun ruft ein Schüler die anderen Kinder durch die Betätigung einer Schiffsglocke zum Unterricht zurück. Es sind nicht zuletzt diese kleinen, pragmatischen Änderungen, die das Schulklima verbessern. Weil der übervolle Pausenhof zu aggressiven Rempeleien führte, hat Frau Babbe die Schülerschaft kurzerhand in zwei Takte eingeteilt; die Gruppen kommen um eine halbe Stunde versetzt zum Unterricht. Damit war das Schulhofproblem erledigt.

Die Erika-Mann-Schule hat, wie alle anderen Schulen mit hohem Migrationsanteil, mit kulturell-religiösen Widerständen zu kämpfen, die die Bildungslaufbahn türkischer und arabischer Kinder erschweren. Nur die wenigsten Eltern erscheinen zu den Elternabenden, meist aus mangelndem Verständnis für das deutsche Bildungssystem, das die Eltern als Partner einbeziehen möchte. In der Türkei wie auch in arabischen Ländern ist die Schule der unangefochtene Herrschaftsraum der Lehrer, in den man eigentlich nur zitiert wird, wenn schon alles schiefgegangen ist.

Schlechten Unterricht gibt es auch in den besseren Quartieren

Wie aber aktiviert man Eltern, die aus Angst, Scheu und Unverständnis die Schule meiden? Karin Babbe hat die Elternabende an ihrer Schule großenteils durch Eltern-Kind-Zeiten ersetzt, zu denen nicht die Lehrer einladen, sondern die Schüler. Sie führen an diesen Abenden ihren Eltern neue Kenntnisse vor. Da sitzt dann das Kopftuchmädchen und zeigt dem skeptischen Vater, wie man das Reagenzglas über den Bunsenbrenner hält, um ein chemisches Experiment durchzuführen. Auf diese Weise bekommen die Eltern ein positives Verhältnis zur Schule und zur Bildung ihrer Kinder. Sie werden animiert, stolz auf den Nachwuchs zu sein. Und wenn sie erst einmal derart gewonnen sind, dann kann man auch leichter mit ihnen über Probleme sprechen.

"Wir erreichen auf diese Weise 98 Prozent der Eltern", sagt Karin Babbe. "Ein arabischer Vater, der sich hier sehr engagiert, hat es so umschrieben: ?Mit einer Hand kann man nicht klatschen.?"

Die kleinen Siege gegen die soziale Schwerkraft, die Karin Babbe und ihr Team täglich erringen, kosten Energie. So hat Karin Babbe, wie viele Schulleiter in Migrantenvierteln, auch mit Islamisierungstendenzen zu kämpfen. Den Islam-Unterricht der Islamischen Föderation ? einer Organisation mit Nähe zur streng konservativen Milli Görüs ? hat sie ganz ohne Kulturkampf neutralisiert. Sie hat einfach dafür gesorgt, dass parallel erstklassige Türkisch- und Arabisch-Stunden angeboten werden, in denen kulturelle Selbstvergewisserung ohne Indoktrination stattfinden kann. Diese Stunden sind beliebter als der pädagogisch dubiose Islam-Unterricht.

Die Schüler werden an Frau Babbes Schule stark gefordert. Ihr Lernwillen wird aber auch gebührend gefeiert, und ihre Neugier auf die Welt des Geistes wird gepflegt wie eine empfindliche Pflanze. Im Eingangsbereich hängen Fahnen, auf denen zur Begrüßung der 1. Klasse die Namen der Neuen zu lesen sind: Tariq, Leon, Furham, Mario, Kanwal, Kubra, Ifeoma. "Unsere Kinder", sagt die Direktorin, "sind nicht dümmer oder weniger begabt als andere. Manche brauchen nur etwas länger, weil sie viel aufzuholen haben." Die landesweiten Vergleichsarbeiten geben ihr recht: Im zweiten Schuljahr erreichen die Erika-Mann-Schüler das Niveau des Berliner Durchschnitts. Im vierten Schuljahr liegen sie 20 Prozent darüber. Am Ende der sechsjährigen Grundschulzeit bekommen bis zu 80 Prozent der Schüler eine Realschul- oder Gymnasialempfehlung.

Auf dieses Ergebnis sei sie zwar stolz, sagt Karin Babbe: "Wer wie wir mit dem Rücken zur Wand steht, der muss sich bewegen." Doch in ihrem guten Abschneiden steckt auch "ein Skandal": "Wenn wir es mit unseren schlechten Voraussetzungen schaffen, Schulen in besseren Quartieren zu überflügeln, spricht das dafür, dass es auch sehr schlechten, altmodischen Unterricht in bester Lage gibt."

In Wahrheit müssen sich heute die Schulen überall in Deutschland bewegen, weil in ihnen unsere Gesellschaft von morgen entsteht.

www.zeit.de/2007/06/Schule-Berlin?page=all

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