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Die klugen Migranten

05.07.2007: DIE ZEIT

Deutschland entdeckt eine neue Studentenelite. Doch viele Einwandererkinder brechen ihr Studium ab. Es fehlt an Förderung.

Akyildiz Selcuk war vor Kurzem zu Besuch im Kanzleramt. Gemeinsam mit anderen Jugendlichen gab der türkischstämmige Student Angela Merkel Ratschläge für eine bessere Integrationspolitik. Katheesan Lingeswaran bekam eine Einladung vom Bundespräsidenten. Horst Köhler wollte wissen, wie es der Einser-Abiturient, der einst mit seinen Eltern aus Sri Lanka nach Deutschland kam, so weit gebracht hatte. Und Derya Aydin aus Esslingen, auch sie mit einem Abitur von 1,2, traf Annette Schavan. Die 17-Jährige erzählte der Bundesbildungsministerin von ihren Studienplänen.

Akyildiz Selcuk, Katheesan Lingeswaran, Derya Aydin - die Namen der zukünftigen deutschen Führungskräfte sind noch etwas ungewohnt. Aber die Politiker üben schon. Unabhängig voneinander baten gleich drei hohe Vertreter des Staats besonders vielversprechende Einwandererkinder in den vergangenen Wochen zum persönlichen Gespräch. Die Politiker waren beeindruckt von der Eloquenz und dem Selbstbewusstsein der Ausnahmetalente. Annette Schavan schwärmte von "Vorbildern für viele andere". Horst Köhler sprach von einem "Schatz, den zu pflegen Deutschland gut beraten ist".

Bis vor Kurzem freilich wusste niemand, dass dieser Schatz überhaupt existiert. Kaum jemanden interessierte es, wie erfolgreich Kinder aus Migrantenfamilien in der Schule sind und dass viele sogar einen Studienabschluss schaffen - wenn sie entsprechend unterstützt werden. Denn um sich die Bildungsleiter emporzuarbeiten, brauchen Migranten Orientierung und Sprachförderung auf jeder einzelnen Stufe. Selbst an der Universität kämpfen sie mit Problemen, die deutsche Muttersprachler aus gehobenen Schichten nicht kennen.

Andere Nationen versuchen seit Langem, die Zahl der Akademiker aus ethnischen Minderheiten mit gezielten Programmen zu erhöhen (siehe Kasten). In Deutschland dagegen bleibt die politische Aufmerksamkeit der Generation Rütli vorbehalten: den türkischen Kids von der Hauptschule, den russlanddeutschen Jugendlichen ohne Ausbildung, den Kita-Kindern mit schweren Deutschdefiziten.

Die "Deukische Generation" will das Image von Migranten verbessern

Übersehen werden dabei Jugendliche wie Akyildiz Selcuk. Seine Eltern kamen einst nach Alemanya, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen. Dennoch sorgte seine Mutter stets dafür, dass die Schulaufgaben erledigt wurden und die "Kinder nicht zu lange auf der Straße herumhingen", erinnert sich der Sohn. Heute studiert der 21-jährige Berliner Wirtschaftsrecht. Ist in den Medien von Migranten die Rede, hat er immer das Gefühl, nicht gemeint zu sein. "Da ist nur von Problemen die Rede, nie von Erfolgen." Um das miserable Image zu korrigieren, hat Selcuk mit Gleichgesinnten die "Deukische Generation" gegründet, einen Zusammenschluss türkischstämmiger Abiturienten und Studenten in Deutschland. Mit Forderungen an die Gesellschaft ("Schafft die Hauptschule ab!") und Appellen an die eigene Gemeinschaft ("Eltern, kümmert euch mehr um eure Kinder!") wollen sie sich Gehör verschaffen. Und sie werden beachtet: Gleich drei der Initiatoren der Deukischen Generation waren Anfang Mai beim Jugendgipfel im Kanzleramt dabei. Es scheint, als habe man hierzulande auf die "guten Migranten" gewartet, plötzlich sind sie überall gefragt. Deutschland ist auf der Suche nach einer neuen Migrantenelite. Vorreiter sind die Stiftungen. Seit fünf Jahren unterstützt die Hertie-Stiftung besonders begabte Schüler aus ausländischen Familien mit Geld und Beratung. Etwas später im Lebenslauf setzt die Vodafone-Stiftung an. Sie fördert "außergewöhnliche Migrantenkarrieren" an privaten Universitäten.

Die Begabten-Förderwerke werben gleichfalls um die zukünftige Ausländerelite. So appelliert die Friedrich-Ebert-Stiftung in Anzeigen an Schüler und Studenten mit Migrationshintergrund, sich für ihr Stipendienprogramm zu bewerben. Die Konrad-Adenauer-Stiftung schickt Briefe an Gymnasien mit einem hohen Ausländeranteil. "An diese Zielgruppe wollen zurzeit alle heran", sagt der Leiter der Studienförderung, Gerd-Dieter Fischer.

Auch der Nationale Integrationsplan, den Angela Merkel am kommenden Donnerstag verkünden wird, soll das unausgeschöpfte Begabungspotenzial beschwören, das in Deutschlands Migrantenjugend schlummert. Vorab verspricht Bildungsministerin Schavan schon einmal, die Zahl der Studenten aus Zuwandererfamilien in den kommenden fünf Jahren zu verdoppeln.

Angesichts der demografischen Entwicklung ist das auch bitter nötig. Denn glaubt man einem in der vergangenen Woche veröffentlichten Bericht der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), droht Deutschland bereits in wenigen Jahren ein gravierender Fachkräftemangel. Schon heute suchen viele Unternehmen verzweifelt nach Ingenieuren, zahlt der Siemens-Konzern für jeden erfolgreich vermittelten Fachmann Kopfprämien von 3000 Euro. Gleichzeitig wächst die Zahl der Kinder mit Migrationshintergrund von Jahrgang zu Jahrgang in einem enormen Tempo. Bei den unter Fünfjährigen beträgt ihr Anteil bereits 32 Prozent, in Großstädten wie Nürnberg, Frankfurt oder Stuttgart gar das Doppelte. Zwei Drittel der Kinder haben mindestens einen Elternteil, der nicht in Deutschland geboren ist. Die Botschaft solcher Zahlen ist klar: Ohne einen gut ausgebildeten Einwanderernachwuchs hat Deutschlands Wirtschaft kaum eine Zukunft.

Bisher jedoch kommt nur ein Bruchteil der Schüler mit ausländischen Wurzeln zu akademischen Weihen. Gerade einmal sieben Prozent der Studenten haben einen Migrationshintergrund, wie die neueste Sozialerhebung des Studentenwerkes feststellt. Welche intellektuellen Ressourcen da brachliegen, rechnet ein Vorbereitungspapier für den Integrationsgipfel vor: Hätten die Migranten die gleichen Chancen in Schule und Hochschule wie ihre deutschen Alterskollegen, so könnten jedes Jahr rund 25000 Ingenieure zusätzlich die Hochschulen verlassen.

Die meisten Einwandererschüler scheitern heute bereits in der Grundschule. Wie schwer der Weg in die oberen Ränge der deutschen Bildungshierarchie ist, machten die Abiturienten und Studenten während des Schlossgesprächs beim Bundespräsidenten klar. Viele von ihnen waren die einzigen Nichtdeutschen auf ihrem Gymnasium. Andere sollten ursprünglich nicht einmal dorthin kommen. Für Katheesan Lingeswaran aus Sri Lanka etwa hatte seine deutsche Grundschullehrerin eine andere Zukunftsempfehlung bereit: die Hauptschule. Heute bekommt er ein Hochbegabtenstipendium von der Robert-Bosch-Stiftung und will Kernphysiker werden.

Häufig ignorieren Lehrer die Sprachprobleme ihrer Schüler

Nicht nur an den Schulen werden Talente verschleudert. Auch an den Universitäten bleiben viele Söhne und Töchter von Einwanderern auf der Strecke. Zwar liegen offizielle Absolventenzahlen für die sogenannten Bildungsinländer (ausländische Studenten mit deutschem Abitur) nicht vor. Überschlagsrechnungen des Hochschul-Informations-Systems (HIS) verweisen jedoch auf erschreckend geringe Erfolgsquoten. So haben im Jahre 2000 rund 9800 Bildungsinländer ihr Studium begonnen. Die Absolventenzahl fünf Jahre später lag jedoch nur bei 5400 - ein Schwund von 45 Prozent, doppelt so hoch wie bei den deutschen Studenten.

Wo die Probleme liegen, lässt sich besonders gut an der Universität Essen-Duisburg zeigen. Sie gehört hierzulande zu den Multikulti-Hochschulen. In vielen Seminaren herrscht internationales Flair. Auf dem Campus hört man oft Russisch oder Türkisch. Zunehmende Sorgen bereitet den Professoren jedoch, dass sie immer häufiger mit mangelhaften Deutschkenntnissen konfrontiert sind.

Erwin Amann, Dekan der Wirtschaftswissenschaften, findet in den Seminar- oder Diplomarbeiten immer wieder die gleichen Fehler: unvollständige Sätze, Substantive ohne Artikel, der inkorrekte Gebrauch von Begriffen. Bestellt Amann die Autoren der Arbeiten in seine Sprechstunde, wundert er sich dann. Die meisten von ihnen stammen nicht aus dem Ausland, sondern sind in Deutschland geboren und haben hier das Abitur gemacht. "Im Gespräch hat man das Gefühl, deren Deutsch ist perfekt", sagt Amann. Leider glauben viele Studenten dasselbe.

Pädagogen kennen das Phänomen aus der Schule. Den Alltagsjargon beherrschen viele Migrantenkinder perfekt. Bei der Schrift- und Fachsprache jedoch tun sich Lücken auf. Bruno W. Nikes, Professor für Sozialplanung in Essen, nennt unter anderem dieses Beispiel: "Vor Kurzem fragte mich jemand im Seminar: Was ist eigentlich ein Räuber?" Bisher glaubte man freilich, derartige Sprachdefizite hätten nur Grund- oder Hauptschüler. Heute weiß man, dass auch Gymnasiasten und selbst Studenten, die Deutsch nicht als Muttersprache gelernt haben, mit solchen Problemen kämpfen. Die Ursachen sind vielfältig, erklärt die Essener Germanistin Yurdakul Cakir. Manche Studenten gelangten auf Umwegen zum Abitur und hätten nie systematisch Deutsch gelernt. Andere legten sich Vermeidungsstrategien zu. Der Hauptgrund sei jedoch, dass viele Lehrer das Problem ignorierten. "Sprachförderung für Migranten beschränkt sich meist auf die ersten Schuljahre", sagt Cakir.

An der Universität fördert das anonyme Klima nicht gerade den Sprachschatz. Offenbar findet auf dem Campus kaum interkulturelle Kommunikation statt. Viele türkischstämmige Kommilitonen blieben unter sich, sagt Gönül Eglence, die in Essen Sozialwissenschaften studiert. Oft säßen sie in der Bibliothek zusammen und erklärten einander wissenschaftliche Texte - auf Türkisch.

Nicht nur sprachliche Defizite schleppen die Studenten aus Migrantenfamilien von der Schule in die Universität mit. Es fehlt auch an Allgemeinbildung. "Bei uns stand nicht Goethe oder Schiller im Regal", sagt Eglence. Mit 15 Jahren sei sie zum ersten Mal in eine Theatervorstellung gegangen. Eine deutsche Freundin hatte sie mitgenommen. "Ich musste mir alles selbst erarbeiten." Bei der Frage, was und wie sie studieren solle, waren die Eltern ihr ebenso wenig eine Hilfe. Ihre Schwester und sie sind die Ersten aus der Familie, die eine Hochschule besuchen.

Ob man es schafft, das eigene Studium zu planen und sich im Unidschungel zurechtzufinden, ist keine Frage der Intelligenz. Selbst Stipendiaten des Start-Programms, alle mit hervorragenden Schulnoten, fühlen sich mitunter hilflos, sagt Kenan Önen von der Hertie-Stiftung. Viele deutsche Studenten haben bereits vor der Uni Praktika absolviert, waren zum Schüleraustausch im Ausland. "Diese Erfahrungen fehlen den meisten unserer Stipendiaten", sagt Önen.

Zwar gibt es Sprachkurse, Orientierungsseminare und Tutorien für nichtdeutsche Studenten. Das Angebot steht jedoch nur "echten Ausländern" offen, die extra wegen des Studiums aus Asien, Afrika oder Osteuropa nach Deutschland einreisen. Die Bildungsinländer dürfen offiziell keine Probleme haben, besitzen sie doch das deutsche Abitur. "Die fallen zwischen alle Stühle", sagt Christian Bode vom Deutschen Akademischen Auslandsdienst (DAAD).

Hochschulpolitik paradox: Mit viel Geld lockt man jedes Jahr Zehntausende von Studenten aus aller Welt in die Bundesrepublik und bringt ihnen mühsam unsere Sprache bei. Diejenigen, die de facto bereits Deutsche sind, aber spezielle Unterstützung brauchten, lässt man links liegen. Selbst die Universität Essen, die sich seit drei Jahrzehnten mit Hausaufgabenhilfen für Migrantenschüler profiliert, bietet Studenten aus derselben Einwandererklientel kaum etwas an. Ein paar Jahre lang gab es einen Stützkurs, in dem Studenten Grammatik pauken oder ihre Hausarbeiten auf typische Fehler durchsuchen lassen konnten. Er wurde gestrichen, als die EU-Projektmittel wegfielen.

Nun bleibt es den einzelnen Professoren überlassen, selbst tätig zu werden. Die Pädagogikprofessorin Ursula Boos-Nünning zum Beispiel trifft sich einmal pro Woche mit ausgewählten türkischstämmigen Studentinnen zum Argumentationstraining. Als der Sozialwissenschaftler Nikles seiner Fakultät Ähnliches vorschlug, stieß er auf Ablehnung. Man fürchtete den Vorwurf, bestimmte Studentengruppen zu diskriminieren. Außerdem mache man Wissenschaft, hieß die Begründung, für Deutschkurse seien andere zuständig. Wer, blieb offen. Doch lange werden sich die Hochschulen diese Gleichgültigkeit nicht mehr leisten können. Auch sie müssen die Realität des Einwanderungslands Deutschland zur Kenntnis nehmen. Nikles: "Längst werden unsere Hochschulen von unten internationalisiert. Reagiert haben wir darauf noch nicht".

www.zeit.de/2007/28/Migrantenstudenten?page=all

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