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Aleviten - Die Provokation des "Tatort"-Krimis

29.12.2007: Die Welt

Im Tatort "Wem Ehre gebührt" wird mit dem Thema Inzest eine Beschuldigung aufgerollt, die den Aleviten über Jahrhunderte vorgeworfen wurde. Schon deshalb sollten sich die ARD und die Autorin öffentlich entschuldigen, meint der Berliner Abgeordnete Özcan Mutlu

Die jüngste Tatort-Folge "Wem Ehre gebührt" führt zu bundesweiten Protestaktionen. Das Kulturzentrum der Anatolischen Aleviten Berlin erstattet Strafanzeige wegen Volksverhetzung. Begründung: Die Folge wiederhole "genau die Vorurteile, mit denen die Aleviten seit Jahrhunderten verfolgt und bis heute diskriminiert werden". Eine Deutschtürkin wird erhängt von ihrem Mann aufgefunden. Ein Krimi mit einer Toten und einem Kopftuch. Ehrenmord!? Ein Tatort ist aber viel zu anspruchsvoll für derart platte Erklärungen. Daher greift die Regisseurin und Drehbuchautorin, Angelina Maccarone, zum Inzest-Motiv zwischen Vater und Tochter. Hat die Drehbuchautorin nicht verstanden, welche politische Brisanz das Thema in sich birgt?

Die türkischen Einwanderer werden hierzulande immer auf den sunnitischen Islam reduziert und kaum einer weiß, dass etwa ein Viertel der Deutschtürken Aleviten sind. Nahezu 20 Millionen Aleviten leben in der Türkei, dennoch sind sie als Religionsgesellschaft nicht anerkannt. Der theologische Unterschied zwischen Aleviten und Sunniten ist teilweise größer als der zwischen Katholiken und Protestanten. Die Aleviten erkennen Judentum und Christentum sowie deren Propheten und Bücher als gleichwertige Offenbarungen an. Die Idee einer prinzipiellen Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung aller Menschen, wie die von Mann und Frau, wird im Glauben anerkannt. Doch nicht die Befolgung rein religiöser Riten wie z.B. zur Moschee zu gehen, fünfmal am Tag zu beten, das Fasten, oder die Pilgerfahrt nach Mekka, sondern das Leben selbst ist Mittelpunkt der alevitischen Gläubigkeit. Darüber weiß man in Deutschland zu wenig.

Der sunnitische Islam taucht in der Tatort-Folge indirekt auf, z.B. als Rettungsanker für die vom alevitischen Vater missbrauchte Tochter und in der Rolle des Schwiegersohns, einem Sunniten. Die jüngere Tochter trägt Kopftuch, obwohl alevitische Frauen das bewusst nicht tun. Damit bekennt sie sich zu denen, die den Aleviten über Jahrhunderte "Inzest" vorgeworfen haben - den Sunniten. Dieser Vorwurf ist vergleichbar mit dem des Ritualmords an christlichen Kindern, der Juden über Jahrhunderte in Europa angedichtet wurde, um sie zu dämonisieren und später zu vernichten. Auch wenn Aleviten in der heutigen Türkei nicht mehr verfolgt werden, gab es in der Neuzeit zahlreiche Anschläge. Das jüngste Attentat ereignete sich 1993 in der mittelanatolischen Provinz Sivas: 37 Aleviten, darunter viele Künstler, Autoren und Musiker, verbrannten bei lebendigem Leibe. Dieser Hintergrund erschließt sich jedem, der ein Drehbuch schreibt, schon bei der Lektüre weniger Einträge im Internet. Die ARD und die Autorin sollten sich öffentlich entschuldigen.

Der Autor ist Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin für Bündnis 90 / Die Grünen

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