PISA-E: Stagnation ist kein Erfolg. Alle Begabungrn fördern und Chancengelichheit herstellen!
Herr Präsident, meine Damen und Herren, wenige Tage vor der Veröffentlichung der PISA-Studie gelang dem dpa ein journalistisches Meisterstück - einem dpa Journalisten ist es gelungen, unter welchen Umständen auch immer, vorab an die PISA-Ergebnisse heranzukommen. Die entsprechenden Schlagzeilen haben Sie alle gelesen: Demnach hatte sich die soziale Schere in der Bildung weiter geöffnet. Als dann die PISA-Ergebnisse offiziell vorgestellt wurden, waren die Vertreter der KMK sowie die PISA-Wissenschaftler unisono damit beschäftigt, die dpa Meldung zu wiederlegen. Ihr Hauptargument, die soziale Schere hätte sich nicht weiter geöffnet, sie sei seit dem Jahr 2000 - das Jahr des 1. PISA-Schocks - unverändert.
Stagnation ist kein Erfolg, meine Damen und Herren! Es ist nicht hinnehmbar, wenn in unserem Schulsystem Kinder aus Akademiker-Familien eine 4-mal höhere Chance haben aufs Gymnasium zu kommen als Arbeiterkinder und Kinder aus sozial schwächeren Verhältnissen. Das ist ein Skandal! Berlin belegt nahezu in allen signifikanten Bereichen den vorletzten Platz. In der Berliner Schule werden weder Leistungsstarke noch Leistungsschwache gefördert. Das abschneiden unserer Hauptschulen ist katastrophal und führt zu der Frage, warum Haupt- und Realschulen nicht endlich zu integrativen Schulen zusammenfasst werden? Im übrigen, dass schlechte Berliner-Ergebniss hat nichts mit dem Anteil der SchülerInnen mit Migrationshintergrund zu tun, wenn diese rausgerechnet werden - diese Mühe haben sich die Wissenschaftler tatsächlich gemacht, schneidet Berlin sogar schlechter ab!
Meine Damen und Herren, Die vergangenen PISA-Studien haben im Grunde nur wissenschaftlich belegt, was spätestens seit den 70igern bekannt ist: Dass nämlich in der Bundesrepublik Deutschland, die sich in ihrer Verfassung zum Grundsatz der sozialen Verantwortung bekennt, der familiäre Hintergrund nach wie vor inakzeptabel stark über die realen Bildungschancen eines Kindes entscheidet. Das kann und darf so nicht weitergehen! Früher war es das katholische Mädchen vom Lande, heute sind es Ayse aus Neukölln oder Ali aus Kreuzberg, deren Begabungen umfassend zu fördern unser Schulsystem immer noch für unnötig hält oder zu fördern nicht in der Lage ist. Das trifft für Deutschland im Allgemeinen und für Berlin im Besonderen zu. Dabei geht es nicht bloß um veränderte Durchführungsbestimmungen oder um richtige Ansätze in einem Schulgesetz, sondern vor allem um ein grundsätzlich anderes Denken und Handeln im Bildungsbereich. Wir sagen das seit Jahren, genau darauf baut unsere aktuelle Bildungskampagne mit dem Motto "Ich will´s wissen" auf. Wir alle stehen in der Pflicht, den Kindern und Jugendlichen das breitgefächerte soziale, mentale und intellektuelle Rüstzeug mitzugeben, das sie brauchen werden, um zukünftigen Problemen konstruktiv zu begegnen. Es geht letztlich um zwei zentrale Dinge: Erstens, die Förderung und Entwicklung ALLER Begabungen eines Kindes, der kognitiven und gleichermaßen auch der musischen, der künstlerischen, der sozialen und der kommunikativen Fähigkeiten. Zweitens, die Förderung und Entwicklung ALLER Kinder, gerade, wenn ihr sozialer Hintergrund eine besondere Förderung notwendig macht. Wir haben dabei nicht Gleichmacherei vor Augen, sondern im Gegenteil die volle Entfaltung der individuellen Fähigkeiten eines jeden einzelnen Kindes steht für uns im Mittelpunkt. Wir sehen diese beiden zentralen Ziele mit mindestens vier bildungspolitischen Schwerpunkten verknüpft: Der Wichtigkeit der frühkindliche Erziehung, der Befähigung der Schule für ihren Auftrag, der Einbindung und Ermutigung der Eltern und der Berücksichtigung und Integration unterschiedlicher sprachlicher und kultureller Hintergründe. Alle diese Bereiche stehen in enger Wechselwirkung miteinander, keiner kann isoliert betrachtet werden.
Meine Damen und Herren, den Kindertagesstätten muss endlich die Aufmerksamkeit zuteil werden, die sie als Fundament aller späteren Bildung brauchen. Unabdingbar ist, dass Kitas und Grundschulen Hand in Hand arbeiten. Ebenso soll die Schule Freude am Lernen vermitteln. Das kann sie aber nur, wenn sie ein Ort ist, der Bildung mit den Lebenswirklichkeiten vor Ort verbindet und wenn sie in ihrer didaktischen Grundausrichtung auf die persönliche und ganzheitliche Förderung des einzelnen Individuums setzt. Schule soll eine Werkstatt des konstruktiven, vernetzten Lernens, eine Quelle sozialer Integration und interkulturellen Respekts und auch ein Ort, von dem aus Brücken zur Nachbarschaft und zu allen gesellschaftlichen Bereichen gebaut und beschritten werden, sein. Darum müssen sich Schulen öffnen und sich zu Stadtteilzentren entwickeln. Wir wollen auch die Eltern stärker als bisher an Entscheidungen beteiligen und ihre Verantwortung zum integralen Bestandteil einer notwendigen Schulreform machen.
Meine Damen und Herren, in der Schule müssen Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Und nicht Fächer. Wir müssen wegkommen von der überholten Osterhasenpädagogik, bei der die Lehrerin, der Lehrer das Wissen versteckt wonach die Schülerinnen und Schüler suchen sollen. D.h. die Lern- und Unterrichtkultur muss sich grundlegend ändern und Schule muss durch ihren eigenen pädagogischen und finanziellen Entscheidungsspielraum ein lebendiges Beispiel für Selbstverantwortung werden, anstatt lediglich Vollzugsorgan einer Zentralbehörde zu sein. Wir werden zudem nicht umhinkommen, unser extrem selektives und ineffektives Schulsystem mit der frühzeitige Aufspaltung in drei Schultypen durch eine 10-jährige gemeinsame Schulzeit für alle zu ersetzen. PISA hat nachgewiesen, das genau dies zielführend ist. Allerdings ist keiner der genannten Punkte denkbar ohne die sprachliche und kulturelle Integration von jungen Menschen mit Migrationshintergrund. Das fängt mit intensiver Sprachförderung in der Kita an und setzt sich bei der Erziehung zu gegenseitigem Respekt und sozialer Kompetenz in der Schule fort. Deshalb bedürfen Schulen in problematischen Quartieren der besonderen Unterstützung und einer besonderen Mittelausstattung.
Meine Damen und Herren, ob die in Berlin angestoßenen Reformen tatsächlich zu einer Verbesserung führen, bleibt abzuwarten. Frühere Einschulung, flexible Eingangsphase, der Ausbau von Ganztagsschulen und die Verlagerung der Horte an die Schulen - diese richtigen Reformschritte werden durch die chaotische und zeitlich viel zu enge Umsetzung, sowie der Gängelung der Senatsschulverwaltung gefährdet. Eine der wichtigsten Aufgaben ist und bleibt für Berlin, die Chancen von Kindern aus sozial schwachen Familien und mit Migrations hintergrund wesentlich zu verbessern. Der Ausbau von Ganztagsangeboten, die Stärkung der Zusammenarbeit zwischen Schule und Jugendhilfe, eine Bildungsoffensive für Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache, die Abschaffung des Sitzenbleibens, die Reduzierung der Klassenfrequenzen und die Sicherung der gemeinsamen Erziehung, sind genau die Themen, die verstärkter finanzieller Förderung und Sicherung bedürfen.
Meine Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen! Unser Nachbar Frankreich muss in diesen Tagen schmerzhaft lernen, was es bedeutet, Schlüsselfelder der Bildungs- und Integrations- politik über Jahre hinaus zu vernachlässigen. Ich denke, wir unsererseits sollten und müssen unsere eigenen Lehren ziehen, noch bevor Katastrophen und Fehlentwicklungen uns dazu zwingen werden. Bildungspolitik ist Integrationspolitik! Deshalb ist es Zeit umzudenken. JETZT!




