'Die Türken sind da'
27.02.2004: Die Deutschen streiten über den EU-Beitritt der Türkei. Doch bei uns haben die Türken längst ihren Platz erobert. Sie holen Filmpreise und Sportmedaillen für die neue Heimat. Die SPD wirbt um sie, die CDU ignoriert ihre potenziellen Wähler
Gerade hatten wir uns recht gemütlich in der Kopftuchdebatte eingerichtet: Die Islamisten wollen türkische Mädchen und Frauen beschützen, indem sie sie verhüllen, Feministinnen und Säkularisten wiederum wollen diese vor jenen beschützen, indem sie ihnen das Tuch vom Kopf reißen. Da taucht plötzlich eine junge türkischstämmige Frau von rätselhafter Selbstgewissheit auf der Bühne auf, die ihre Sache weder von den einen noch von der anderen Seite vertreten lassen würde. Sie habe "einen ziemlich starken Freiheitsdrang, und je mehr man versucht, mir etwas zu verbieten, desto mehr rebelliere ich". Der Fall Sibell Kekilli, der Hauptdarstellerin von Fatih Akins Berlinale-Siegesfilm Gegen die Wand, wird debattiert, seit Bild sie als "sündige Film-Diva" geoutet hat. Sie hatte vor Jahren in einigen Pornofilmen (Die megageile Kükenfarm) mitgewirkt. Unterm Kopftuch wird gejodelt?
Kekilli ist dank einer bigotten Kampagne mit täglicher Bild-Schlagzeile die berühmteste Türkin hierzulande, die erste, über die das ganze Land redet. Und sie ist auf dem besten Weg, als Heldin aus ihrem ungleichen Kampf hervorzugehen. Mehmet Daimagüler vom FDP-Bundesvorstand freut sich über den Bruch mit dem Klischee der unterdrückten türkischen Frau: "Ich möchte natürlich nicht, dass meine Schwestern so etwas machen, aber wir sind doch alle stolz darauf, wie tapfer sie jetzt dem Druck standhält." Die Sache mit den Pornofilmen gehört zu ihrem Leben, sagt Kekilli lakonisch. Und nun hat sie ihr Leben geändert, ist Schauspielerin geworden und verlangt voller Selbstbewusstsein, dass man sie nach ihrer Leistung beurteile: Ihr Film hat schließlich den Goldenen Bären geholt, "für Deutschland das erste Mal seit 18 Jahren und für die Türkei zum ersten Mal überhaupt". Sibell Kekilli passt niemandem so recht in den Kram. Ihr Selbstbewusstsein im Umgang mit einem inkorrekten Lebensweg ist eine Herausforderung für Feministinnen und Islamisten: Diese junge Frau braucht keine Betreuung. Sie geht ihren Weg allein.
Selten hat sich das Bild der Deutschen von den Türken so radikal verändert wie in diesen Tagen zwischen Fatih Akins Berlinale-Gewinn und der Beitrittsdiplomatie von Opposition und Regierung. In kaum zwei Wochen ist mehr in Bewegung gekommen als in Jahrzehnten der Gastarbeiter-Debatten und Integrationsprogramme. Dass die Frage des EU-Beitritts der Türkei die Köpfe und Herzen bewegt, ist nur allzu verständlich. Aber was macht einen Filmpreis so bedeutsam? Werner Schiffauer, Professor an der Viadrina in Frankfurt an der Oder und Türkei-Experte, glaubt, dass die kulturelle Symbolik von der deutschen Mehrheitsgesellschaft und von der politischen Elite sträflich unterschätzt wird: "Wir machen uns keinen Begriff davon, wie stark bei den in Deutschland lebenden Türken der Wunsch nach Anerkennung ist. Wir Deutschen sind da viel zu nüchtern. Ein Satz des Bundeskanzlers oder eines anderen Spitzenpolitikers auf Türkisch an die Immigranten - das hätte eine ungeheure Wirkung." Für George W. Bush gehört es längst zur Routine, Radio-Ansprachen auf Spanisch zu halten, und die traditionell eher den Demokraten verpflichtete Latino-Wählerschaft dankt es ihm.
Immerhin hat Schröder auf seiner Türkei-Reise einen Anfang gemacht und Akins Erfolg in Gegenwart des türkischen Premiers Erdo˘gan beim Empfang des deutsch-türkischen Unternehmensforums erwähnt. Erdo˘gan wirkte ziemlich versteinert. Man konnte nicht recht erkennen, was er in dem Moment dachte. Er stammt aus dem islamistischen Lager, und immerhin zeigt Gegen die Wand eine provozierend freizügige Türkin. Dem deutschen Kanzler schien der kulturelle Abgrund zwischen Regisseur Akin und dem Ministerpräsidenten Erdo˘gan nicht bewusst zu sein. Er freute sich einfach darüber, dass da in Deutschland eine kulturelle Brücke entstanden ist. Und bei der Einweihung eines Kohlekraftwerks im südtürkischen Adana küsste Schröder eine junge Muslimin spontan, die ihm einen Strauß Blumen überreichte. So schön kann der Zusammenprall der Kulturen sein.
Die jungen Türken, die jetzt hierzulande in den Blickpunkt rücken, verschwenden keine Zeit mehr damit, auf nette Gesten zu warten. "Je länger ich darüber nachdenke, um so mehr glaube ich, dass mit Fatih Akins Erfolg für uns Türken hier in Deutschland eine neue Ära begonnen hat", sagt Özcan Mutlu, der für die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus sitzt. Er hat als erster deutscher Politiker einen zweisprachigen Wahlkampf geführt und gilt mit Cem Özdemir als größtes politisches Talent unter den Deutschtürken seiner Partei. Mutlu hat imponiert, wie der Filmemacher auf der Pressekonferenz kühl zu Protokoll gab, der Begriff Gastarbeiter komme in seinem Wortschatz nicht vor. "Fatih Akin sagte ganz cool, ,ob Ihnen das gefällt oder nicht, wir sind Deutsche‘. Genau darauf kommt es jetzt an: Wir müssen uns bekennen, wir dürfen nicht mehr warten, bis die andere Seite uns anerkennt. Die jungen Türken hier müssen endlich lernen, sich selbst als Deutsche zu fühlen."
Boxen für Deutschland, weil die Türkei ihn nicht wollte
Özcan Mutlu will in Kreuzberg demnächst mit einigen "role models" durch die Jugendclubs ziehen, um für ein neues türkisches Selbstbewusstsein nach Fatih Akins Vorbild zu werben. Mithat Demirel, Basketballstar von Alba Berlin und zugleich die Stütze der deutschen Nationalmannschaft, wird dabei sein und ebenso Oktay Urkal, der "Muhammad Ali von Kreuzberg", der im Jahr 2000 für Deutschland Weltergewichtseuropameister im Boxen wurde. Die Jugendlichen, die in diesem Problemkiez zu über 50 Prozent arbeitslos sind, dürsten nach Erfolgsgeschichten. Mutlu, der selbst in Kreuzberg aufgewachsen ist und sich über die Hauptschule bis zum Diplomingenieur hochgearbeitet hat, ist fern davon, Probleme zu verharmlosen. "Wir müssen aber anfangen, uns selbst als tüchtig, unternehmungslustig und risikofreudig zu sehen und nicht nur als Klienten der Sozialsysteme."
Türken siegen für Deutschland, lautet die Parole. Siegen für Deutschland ist allerdings oft eine komplexe Angelegenheit voller merkwürdiger Ironien: Der Boxer Urkal wollte eigentlich für die Türkei antreten, wurde aber von seinem Heimatland zurückgewiesen. Heute sagt Urkal: "Gott sei Dank haben mich die Deutschen akzeptiert, und ich danke ihnen mit Leistung. In den letzten 15 Jahren hat keiner so viele Medaillen für Deutschland geholt wie ich."
Wer den dramatischen Selbstbild-Wandel verstehen will, der hier und heute vor sich geht, muss sich an frühere Wellen der Turkophilie in der deutschen Öffentlichkeit erinnern. Vor fast zwanzig Jahren gab es schon einmal eine Welle der Aufmerksamkeit für die hier lebenden Türken. 1985 kamen Günter Wallraffs Undercover-Reportagen als Türke Ali heraus (Ganz unten). Die Türken, deren Schicksale damals die wohlmeinenden Deutschen bewegten, waren Opfer. Die Politik sah sie entsprechend als Objekte von Integrationsmaßnahmen.
Wenn sich das Bild der türkischstämmigen Bevölkerung nun differenziert, lässt das hoffen. Vielleicht kommen wir endlich heraus aus den sterilen Alternativen von Assimilation oder Parallelgesellschaft, Leitkultur oder Multikulturalismus. Es ist das utopische Versprechen der Kultur, dass sie erlaubt, "ohne Angst anders zu sein". Im Medium der Kultur kann Besonderheit ohne Absonderung inszeniert werden. Für Einwanderungsländer ist das ein eminent politischer Faktor. Werner Schiffauer sieht ein Grundproblem der deutschen Integrationspolitik in der "paternalistischen Haltung", die es den Umsorgten schwer mache, zu politischen Subjekten zu werden. Man wird darüber nachdenken müssen, was "Integration" überhaupt noch heißen kann -, und ob das Konzept nicht die Probleme miterzeugt, die es zu bekämpfen vorgibt.
Emine Demirbüken, die sich selbst als konservativ-liberal bezeichnet, kämpft auf einsamem Posten dafür, den Teufelskreis zu durchbrechen. Sie ist Vorsitzende des Forums Integration und Zuwanderung innerhalb der Union. Seit 1988 ist sie Ausländerbeauftragte in Berlin-Schöneberg. Sie gilt in der Christdemokratie weiterhin als Exotin, trotz türkeifreundlicher Stimmen wie von Volker Rühe und Ole von Beust. In ihrer Partei wirbt sie unermüdlich dafür, die "Wertkonservativen" endlich als Zielgruppe zu begreifen. "Es ist alles andere als ein Naturgesetz, dass Türken links wählen. Dieselben Menschen, die in ihrem Heimatland konservativ wählen würden, geben hier Rot-Grün ihre Stimme. Wir von der Union haben immer noch nicht gelernt, die wertkonservativen Einwanderer dort abzuholen, wo sie stehen." In Fragen der Türkei macht die Unterscheidung zwischen Innen- und Außenpolitik keinen Sinn. Der Merkel-Besuch, sagt Demirbüken, "hat uns als Union in dieser Hinsicht um Jahre zurückgeworfen. Man nimmt die Abweisung der Türkei sehr persönlich. Die Leute versichern mir, dass sie mich zwar mögen, aber meine Partei jetzt bestimmt nicht mehr wählen werden."
Die Union kann eigentlich wissen, welches Potenzial sie da verspielt. Eine interne Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung über das "Wahlverhalten der eingebürgerten Türken" bei der Bundestagswahl 2002 kommt zu dem Ergebnis: "Bei einem besseren Abschneiden der Union in dieser Gruppe hätte sie stärkste Partei werden können." Türkischstämmige Deutsche, ihre Zahl liegt heute um die 600000, haben jedoch zwischen 1999 und 2002 ziemlich konstant mit gut 60 Prozent SPD gewählt. Die Grünen konnten 17 bis 20 Prozent für sich reklamieren, die Christdemokraten lagen bei 12 bis 15 und die Liberalen bei knapp über 5 Prozent.
Viele Türken schätzen Religion und Familienwerte, wählen aber SPD
Aber kann man daraus schließen, dass dies auch in Zukunft so bleiben muss? Der FDP-Mann Daimagüler ist verbittert über seine Partei, in der Integrationspolitik als "Looser-Thema" gilt. Dabei sieht er viele Türken von "urliberalen Werten" bestimmt. Selbstständigkeit, unternehmerisches Handeln und Risikofreude genießen unter türkischen Migranten hohes Ansehen, was sich in der Zahl von über 50000 türkischstämmigen Unternehmern niederschlägt. Diese Menschen wären ansprechbar durch eine liberale Partei, "aber man vergisst auch nicht, dass wir in Fragen des Staatsbürgerschaftsrechts an der Macht nichts getan haben".
Der Grüne Özcan Mutlu glaubt freilich nicht, dass der Wähler-Markt dauerhaft aufgeteilt sei. Das türkischstämmige Wählerpotenzial werde sich "eines Tages so auf die Parteien verteilen, wie es seinen Interessen und Mentalitäten entspricht." Er verstehe einfach nicht, warum die CDU sich das Riesenpotenzial von Konservativen unter den Türken nicht zunutze mache. Die Wertschätzung der Religion, family values und der Gedanke der Subsidiarität wären etwas Verbindendes. "Hier in Kreuzberg", sagt Mutlu, "ist der Ortsverband der CDU sehr aktiv, und siehe da, die kommen bei unseren traditionellen, religiösen Leuten sehr gut an. Die haben mehr türkische Mitglieder als die SPD. Das ist ein bisschen wie mit Schalke und Hertha. Die Schalker locken mit türkischen Spielern wie Ünlü und Altintop die Ruhrgebietstürken in ihre Arena. Auf diese nahe liegende Idee - bei immerhin 160000 türkischstämmigen Berlinern - ist bei Hertha offenbar noch niemand gekommen."
Von Jörg Lau Mitarbeit: Bernd Ulrich




