Gelin Canlar bir olalim
02.11.2002: Kommt Seelen, lasst eins werden" Pir Sultan Abdal
Die Menschen aus der Türkei werden hierzulande in der Regel undifferenziert als Türken und/oder als Muslime angesehen, daß obwohl die Türkei ein Vielvölkerstaat ist und ihre Bürger vielen unterschiedlichen Religionen und Konfessionen angehören. Dabei wird in der Regel der Islam als die einheitliche Religion angesehen. In Wahrheit gruppieren sich die Muslime in viele verschieden Konfessionen und Sekten, die Konflikte untereinander sind mitunter größer als zu anderen Religionen. Die dominante orthodoxe Gruppe im Islam ist die der Sunniten, die bedeutendste heterodoxe Gruppe in der Türkei ist die der Aleviten.
Noch bis vor einigen Jahren war der deutschen Öffentlichkeit die Existenz der Aleviten unbekannt. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Heute erfährt man immer mehr über Aleviten, ihre Geschichte, ihre Tradition, ihre Kultur und Lebensweise. Sie sind auch deshalb interessant für die deutsche Öffentlichkeit, weil sie Ideen wie Gleichheit, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Freiheit und Menschenliebe als Teil ihres Glauben sehen. Der Glaube der anatolischen Aleviten enthält u.a. altiranische, altanatolische darunter auch altchristliche und schamanitische Elemente. Der heutige Alevitum der Türkei formte sich zwischen den 12. und 16. Jahrhundert. Dabei war der Alevitum in der Geschichte Anatoliens nicht nur eine Alternative zum sunnitischen Islam, sondern auch die Antwort auf die Politik der Herrschenden. So gesehen ist das Alevitum nicht nur ein Glaube, sondern eine Lebensphilosophie, ein Prinzip des Denkens und Handelns.
Trotz der Tatsache, daß in Deutschland schätzungsweise 600.000 und in Berlin etwa 50.00 Aleviten leben, ist die alevitische Lehre hierzulande wenig bekannt. Die Publikationen über den Islam nahmen in den letzten Jahren zwar zu, sie beziehen sich jedoch fast ausschließlich auf den sunnitischen Islam und versuchen die soziale und religiöse Entwicklungen allein durch die sunnitische Lehre zu erklären. Um die soziale und politische Lage der Aleviten zu verstehen, muß jedoch ihre religiöse und kulturelle Lehre berücksichtigt werden. Ihre Förderung wäre ein wichtiger Beitrag zum multikulturellen Leben in Deutschland. Das ist genau das Ziel des Buches das Sie gerade in Ihren Händen halten. Dieses Buch soll Ihnen einen Einblick in das alevitische Leben in Berlin verschaffen und Ihnen die alevitische Lehre Näher bringen.
Es ist eine außerordentliche Freude für mich, bei der Entstehung dieses wunderbaren Buches mitgewirkt zu haben. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an Frau Barbara John der Migrationsbeauftragten des Berliner Senats, der Autorin Prof. Dr. Kritina Kehl-Bodrogi und alle Unterstützer, die dieses Buch überhaupt erst möglich gemacht haben.
Özcan Mutlu Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin




