WillkommenHosgeldinizWelcomeBienvenue LinksNewsletter-AboMeine TermineSitemapSucheRSS-Feed einbindenImpressum
Presse
Themen
Dokumente
Persönliches
English
Türkçe
Kontakt
Startseite

Cem-Haus

06.11.1999: Rede anläßlich der Eröffnung des Cem-Evi in Berlin

Sehr geehrter Herr Innenminister, sehr geehrter Herr Öztürk, sehr geehrte Abgeordnete, lieber Cem Özdemir, sehr verehrte Gäste, meine Damen und Herren, Sevgili Canlar

Es ist mir eine große Ehre, heute hier, in diesem wunderschönen Cem-Haus, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Das ist auch mit ein wenig Stolz verbunden, denn ich schätze mich glücklich, bei der Errichtung dieses Cem-Hauses mitgewirkt zu haben.

1993 habe ich erstmals Bekanntschaft mit dem Kulturzentrum der anatolischen Aleviten gemacht. Es war Juli, Tausende Menschen zogen im strömenden Regen, friedlich durch Kreuzbergs Straßen. Nichts schien sie von ihrem Vorhaben abbringen zu können, jung und alt waren sie gekommen und gingen Seite an Seite, um die Toten von Sivas zu ehren. Die Demonstration war Trauer- und Protestmarsch zugleich.

Anlaß war der 2. Juli, es ging um Sivas, es ging um Madimak, es ging um 37 wunderbare Menschen, die sterben mußten. Die in Sivas bei lebendigen Leibe verbrennen mußten. Verbrennen mußten, weil fanatische Islamisten der "scheinbar" laizistischen Türkei eine Lektion erteilen wollten. Der jüngste unter den Opfern war Koray. Der kleine Koray war gerade mal 12 Jahre alt, als er durch die Fanatiker in den Flammen umkam.

Nach diesem schrecklichen Ereignis begann ich mir, Gedanken über meine Herkunft zu machen. Plötzlich verstand ich die Warnungen meiner Mutter, plötzlich verstand ich weshalb ich früher in der Grundschule, meine alevitische Herkunft verheimlichen sollte.

Somit war Sivas ein Anfang für mich. Sivas war aber auch ein Anfang für die Türkei. Erstmals begann eine öffentliche Diskussion über die alevitische Realität im Land. In Deutschland und ganz Europa erlebten die Aleviten nach diesem Massaker eine regelrechte Renaissance. So entstand auch die Idee, in Berlin ein Cem-Haus zu errichten. Wir sind heute in diesem Cem-Haus versammelt und haben der feierlichen Eröffnung durch Herrn Schily beigewohnt. In dieser Kirche, wo sich bisher Christen zum Gebet trafen, werden in Zukunft Aleviten zur Cem zusammenkommen.

"Eine Cem-Versammlung in einer ehemaligen Kirche?" Für Aleviten spielt diese Frage keine Rolle. Als Angehörige einer mystisch-sufistischen Glaubensrichtung, die starke synkretistische Elemente aus jüdisch-christlichen Traditionen enthält, gehen die Aleviten an diese Frage viel pragmatischer heran. Das ist auch gut so. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass sich eine ehemalige Kirche binnen kurzer Zeit zu einem Cem-Haus wandelt. Das alte Gotteshaus, bleibt weiterhin ein Gotteshaus.

Noch bis vor einigen Jahren war der deutschen Öffentlichkeit die Existenz der Aleviten unbekannt. Die aus der Türkei stammenden Menschen wurden als Muslime im allgemeinen angesehen. Daß im Islam unterschiedliche Konfessionen existieren, war nur Fachleuten bekannt. In dieser Hinsicht hat sich in den vergangenen Jahren einiges verändert. Heute erfährt man immer mehr über Aleviten. Unsere Geschichte, Tradition, Kultur und Lebensweise. Wir sind auch deshalb interessant für die deutsche Öffentlichkeit, weil wir Ideen wie Gleichheit, Gleichberechtigung von Frau und Mann, Freiheit und Menschenliebe, als Teil unseres Glaubens sehen und in Ländern wie z.B. der Türkei, inzwischen als die Verfechter der Demokratie gelten. Umso wichtiger sind Cem-Häuser. Sie dienen den Aleviten nicht nur als Versammlungsorte für die rituelle Cem, sondern, decken mit ihren vielfältigen Angeboten unterschiedlichste Bedürfnisse ab. In diesen Häusern wird Jugend- und Bildungsarbeit geleistet. Überhaupt spielt die Bildung und Weiterbildung bei den Aleviten eine große Rolle. Zu sehen auch an den Worten von Ali, dem Schwiegersohn des Propheten Muhhamed und religiösen Führers der Aleviten. Ich zitiere:

"Ein Weg der nicht durch Wissenschaft und Bildung führt, der führt in die Dunkelheit"

Cem-Häuser sind auch sozialpolitisch von großer Bedeutung, weil sie Halt für jung und alt bieten und die Menschen aus der Isolation holen. Sie haben aber auch den Zweck, der breiten Öffentlichkeit den Zugang zum alevitischen Glauben und der Lebensphilosophie zu ermöglichen. In diesem Zusammenhang ist zu unterstreichen, dass das Cem-Haus, im Gegensatz zu einer Moschee, keine reine Gebetsstätte ist sondern einen öffentlich zugänglichen Raum für alle Menschen darstellt.

Als Lokalpolitiker mit alevitischer Herkunft, war es daher eine Freude für mich, die Initiative für das Cem-Haus in Kreuzberg zu unterstützen. Das dieser Schritt wichtig und richtig war, wird heute durch Ihre Anwesenheit untermauert. Die Errichtung eines Cem-Hauses in der Bundeshauptstadt hat deshalb einen hohen Stellenwert, weil nach jahrzehntelanger Assimilationspolitik in den Herkunftsländern, die Aleviten in Europa und Deutschland die Möglichkeit bekamen, sich zu ihrem Glauben und ihrer Herkunft zu bekennen, und sich zu artikulieren. Die freiheitlich demokratische Grundordnung, erlaubt es, den Glauben zu erfahren, zu leben und zu pflegen. Wir finden heute eine alevitische Gemeinschaft vor, die auf der einen Seite einen Existenzkampf führt und auf der anderen Seite einen Selbsfindungsprozeß durchlebt. In diesen Zeiten kommt den Cem-Häusern eine große Bedeutung zu. Sie fungieren als Orte der Emanzipation und Öffnung zugleich. Sie fördern die Integration und tragen zu einem Miteinander der Kulturen bei.

Daher erachte ich es als eine Aufgabe der Politik, derartige Institutionen und Organisationen, die um ein friedliches Zusammenleben bemüht sind, zu unterstützen. Dazu können wir alle, die wir hier versammelt sind, beitragen.

Um ihre Geduld nicht weiter zu strapazieren, komme ich mit einem Zitat von Haci Bektas Veli, dem Oberhaupt des alevitischen Bektasi Ordens, zum Schluß

"Hararet nar´dadir, sac´da degildir

keramet bastadir, tac´da degildir

Her ne ararsan kendinde ar

Kudüs´te, Mekke´de Hac´da degildir"

"Eisen glüht im Feuer, nicht in der Form

Der Verstand sitzt im Kopf, nicht in der Krone

Was immer Du suchst, such es bei dir selbst

Nicht in Jerusalem, in Mekka oder einer anderen Pilgerstätte"

Sehr geehrte Gäste, Sevgili Canlar, ich wünsche Ihnen und Ihrer Organisation viel Erfolg für ihre zukünftige Arbeit, in diesem wunderbarem Cem-Haus und bedanke mich von ganzem Herzen für die Einladung"

Späte Einsicht ist auch gut – KMK stoppt Schultrojaner, wir gratulieren!
07.05.2012 | (Presse) [mehr]
Neue Regelung, viel Kritik: Ganztagsbetreuung für Fünft- und Sechstklässler
10.04.2012 | Tagesspiegel (Presse) [mehr]
Putzplan aus den 90ern
26.03.2012 | Tagesspiegel (Presse) [mehr]


Banner: atom
Banner: klima
Banner: mitglied-werden
Zum SeitenbeginnDruckversion für die SeiteSeite versenden