65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen!

65 Jahre Mut, Lebensleistung und gemeinsamer Zukunft!

Sie kamen als sogenannte Gastarbeiter. Doch sie waren niemals nur Arbeitskräfte. Sie waren Menschen mit Träumen, Hoffnungen und dem Mut, ihre Heimat zu verlassen, um eine bessere Zukunft zu schaffen.

Am 30. Oktober 1961 wurde das deutsch-türkische Anwerbeabkommen unterzeichnet. Was damals als zeitlich begrenzte Arbeitsmigration begann, entwickelte sich zu einer der bedeutendsten gesellschaftlichen Erfolgsgeschichten der Bundesrepublik Deutschland.

Die erste Generation – Pioniere, Wegbereiter und stille Helden

Sie verließen ihre Familien, ihre vertraute Umgebung, ihre Sprache und ihre Heimat. Viele kamen mit Holzkoffern, wenigen persönlichen Gegenständen und großen Hoffnungen nach Deutschland. Sie kannten weder die Sprache noch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Was sie jedoch mitbrachten, waren Mut, Disziplin, Leistungsbereitschaft und ein unerschütterlicher Glaube an eine bessere Zukunft.

Sie arbeiteten in Fabriken, Bergwerken, Stahlwerken, auf Baustellen, in Krankenhäusern und in zahlreichen weiteren Bereichen. Sie übernahmen körperlich schwere Arbeiten, arbeiteten im Schichtdienst, verzichteten auf vieles und trugen entscheidend zum wirtschaftlichen Aufstieg Deutschlands bei. Sie haben nicht nur Maschinen bedient, Kohle gefördert, Stahl produziert und Straßen gebaut. Sie haben mit ihrer Hände Arbeit Wohlstand geschaffen, Familien ernährt und das Fundament für kommende Generationen gelegt. Doch ihre Lebensleistung lässt sich nicht allein in wirtschaftlichen Zahlen messen. Sie mussten Einsamkeit, Heimweh, Sprachbarrieren, Vorurteile und nicht selten Diskriminierung überwinden. Viele lebten jahrelang zwischen zwei Welten: mit dem Herzen in der Türkei und ihrem Lebensmittelpunkt zunehmend in Deutschland.

Besonders die Frauen der ersten Generation verdienen unsere Anerkennung. Als Arbeiterinnen, Mütter und Familienmanagerinnen haben sie unter oftmals schwierigen Bedingungen Großartiges geleistet. Sie hielten Familien zusammen, erzogen Kinder, bewahrten kulturelle Werte und ermöglichten zugleich neue Perspektiven. Diese Generation hat oft auf ihre eigenen Träume verzichtet, damit ihre Kinder und Enkel ihre Träume verwirklichen konnten. Dafür gebühren ihr unser tiefster Respekt, unsere Dankbarkeit und ein dauerhafter Platz im kollektiven Gedächtnis unseres Landes.

Von der ersten Generation zur Erfolgsgeschichte vieler Generationen

Heute sind die Kinder, Enkel und Urenkel dieser Pioniere ein selbstverständlicher und unverzichtbarer Teil Deutschlands. Sie sind Unternehmerinnen und Unternehmer, Ärztinnen und Ärzte, Wissenschaftler, Ingenieure, Handwerker, Lehrkräfte, Künstler, Sportler, Politiker und engagierte Bürgerinnen und Bürger. Sie schaffen Arbeitsplätze, gründen Unternehmen, entwickeln Innovationen, übernehmen gesellschaftliche Verantwortung und bereichern unser Land in nahezu allen Lebensbereichen.

Aus den Hoffnungen der ersten Generation sind die Chancen und Erfolge der nachfolgenden Generationen geworden.

Aus Gästen wurden Nachbarn, Kollegen, Freunde und Mitbürger. Aus Fremde wurde Heimat. Aus zwei kulturellen Erfahrungswelten entwickelte sich eine gemeinsame Geschichte, die Deutschland nachhaltig verändert und bereichert hat. Die deutsch-türkische Gemeinschaft ist heute nicht nur eine Brücke zwischen zwei Staaten. Sie ist ein lebendiger Bestandteil der deutschen Gesellschaft und zugleich ein bedeutender Motor für wirtschaftliche, kulturelle und menschliche Beziehungen zwischen Deutschland und der Türkei.

Anerkennung bedeutet auch Verantwortung

Mein herzlicher Dank gilt Bundeskanzler Friedrich Merz sowie der Staatsministerin für Integration, Natalie Pawlik, für ihre Wertschätzung und ihre Worte anlässlich dieses besonderen Jubiläums. Diese Anerkennung ist von großer Bedeutung, insbesondere für die erste Generation, deren außergewöhnliche Lebensleistung über Jahrzehnte nicht immer die öffentliche Würdigung erfahren hat, die sie verdient.

Auszug aus der Rede von Bundeskanzler Friedrich Merz, anlässlich des Festaktes in Berlin.

Doch Dankbarkeit darf sich nicht auf Festreden und Jubiläen beschränken. Wer die Lebensleistung der ersten Generation wirklich würdigen möchte, muss auch ihre Lebensrealität im Alter im Blick behalten. Viele dieser Pioniere sind inzwischen hochbetagt. Manche leben mit kleinen Renten, gesundheitlichen Einschränkungen oder sprachlichen Hürden. Sie verdienen einen würdevollen Lebensabend, gesellschaftliche Teilhabe, kultursensible Pflege und die Gewissheit, dass ihre Geschichte nicht vergessen wird. Es ist unsere gemeinsame Aufgabe, ihre Erinnerungen, Erfahrungen und persönlichen Geschichten für kommende Generationen zu bewahren – in Schulen, Museen, Archiven, Bildungsprojekten und im öffentlichen Bewusstsein. Denn ihre Geschichte ist kein Randkapitel der Migration. Sie ist ein unverzichtbarer Teil der deutschen Nachkriegs-, Wirtschafts- und Gesellschaftsgeschichte.

Die Zukunft: Gemeinsam gestalten statt getrennt denken

65 Jahre nach dem Anwerbeabkommen dürfen wir nicht ausschließlich zurückblicken. Wir müssen auch die Frage beantworten, welches Deutschland wir den kommenden Generationen hinterlassen wollen. Unsere gemeinsame Zukunft braucht mehr als Integration. Sie braucht echte Chancengleichheit, gegenseitigen Respekt, gesellschaftlichen Zusammenhalt und die selbstverständliche Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und mitzugestalten.

Wir brauchen eine Gesellschaft, in der nicht Herkunft oder Nachname über Chancen entscheiden, sondern Fähigkeiten, Engagement, Bildung und Leistung. Eine Gesellschaft, in der Mehrsprachigkeit und kulturelle Vielfalt als Kompetenzen verstanden werden. In der junge Menschen mit deutsch-türkischen Wurzeln nicht ständig erklären müssen, wohin sie gehören, sondern selbstverständlich sagen können: Deutschland ist unsere Heimat. Die Türkei ist Teil unserer Wurzeln. Beides gehört zu unserer Identität. Die kommenden Generationen haben die Chance, diese besondere Verbindung zu einer noch größeren Stärke zu entwickeln. Gerade in einer Welt voller geopolitischer Veränderungen, wirtschaftlicher Herausforderungen und gesellschaftlicher Spannungen können Menschen, die mehrere Sprachen, Kulturen und Perspektiven miteinander verbinden, wertvolle Beiträge leisten.

In Wirtschaft und Wissenschaft, Digitalisierung und künstlicher Intelligenz, Bildung, Kultur, Diplomatie und internationaler Zusammenarbeit liegen enorme Zukunftschancen. Die deutsch-türkische Gemeinschaft kann dabei nicht nur Brücken zwischen Deutschland und der Türkei bauen, sondern auch neue Impulse für ein weltoffenes, innovatives und wirtschaftlich starkes Europa setzen. Die erste Generation hat Deutschland mit aufgebaut. Die nachfolgenden Generationen haben Deutschland mitgestaltet. Und die kommenden Generationen werden Deutschlands Zukunft mitprägen.

Unser Vermächtnis, unsere Verantwortung, unsere Zukunft

65 Jahre später sagen wir voller Respekt und Dankbarkeit: Danke an die Pioniere der ersten Generation. Danke für euren Mut, eure Entbehrungen, eure harte Arbeit und eure Opfer. Danke dafür, dass ihr Türen geöffnet habt, durch die heute Millionen Menschen gehen können. Danke dafür, dass ihr niemals aufgegeben habt, auch wenn der Weg oft steinig war.

Ihr habt nicht nur Brücken zwischen zwei Ländern gebaut. Ihr seid selbst zu Brücken geworden. Ihr habt nicht nur für euren Lebensunterhalt gearbeitet. Ihr habt Geschichte geschrieben. Ihr wart keine Gäste auf Zeit. Ihr seid Pioniere unserer gemeinsamen Geschichte und Helden des Alltags. Euer Vermächtnis verpflichtet uns, nicht nur das Erreichte zu bewahren, sondern die Zukunft noch besser zu gestalten.

Dabei dürfen Ausgrenzung, Rassismus und rückwärtsgewandtes Denken keinen Platz haben. Unsere Antwort darauf sind Zusammenhalt, demokratische Werte, Bildung, Dialog und gemeinsame Verantwortung. Denn Heimat entsteht dort, wo Menschen leben, lieben, arbeiten, Verantwortung übernehmen und ihre Zukunft gestalten. Unsere Wurzeln verbinden zwei Länder. Unsere Geschichte verbindet Generationen. Unsere Zukunft gestalten wir gemeinsam.

65 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen sind deshalb nicht nur ein Anlass zum Erinnern und Danken. Sie sind ein Auftrag für die Zukunft!

Leseprobe „60 Jahre – Wie Deutschland zur Heimat wurde“:
bpb Schriftenreihe Band 10842 Özcan Mutlu – Wie Deutschland zur Heimat wurde

Hier kann das Buch auch bei der Bundeszentrale zur politischen Bildung bestellt werden:
Wie Deutschland zur Heimat wurde | bpb.de

In den vergangenen Wochen wurde dieses besondere Jubiläum vielerorts mit Festakten und Empfängen gefeiert. Im Mittelpunkt standen die wahren Helden dieser gemeinsamen Geschichte: die Pionierinnen und Pioniere der ersten Generation, die mit Holzkoffern voller Hoffnungen kamen, hart arbeiteten, viele Opfer brachten und so den Grundstein für unsere Zukunft legten. Sie haben Deutschland nicht nur mit aufgebaut, sondern unsere Gesellschaft nachhaltig geprägt. Danke! Ihr seid und bleibt unsere Helden!

Mein allerherzlichstes Dankeschön an Bundeskanzler Friedrich Merz, an Natalie Pawlik, Staatsministerin für Integration, an Ministerpräsident Hendrick Wüst, an den Regierenden Bürgermeister Kai Wegner und die Senatorin für Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung, die Wertschätzung und die Würdigung der Leistung unserer Großeltern und Eltern.

Betrübt und bedauerlich – um nicht befremdlich zu sagen – empfand ich, dass laute Schweigen meiner früheren Partei Bündnis 90 / Die Grünen. Von wenigen Ausnahmen abgesehen, schwiegen sie zu diesem wichtigen Jubiläum und fanden keine Worte der Würdigung für diese großartigen Pioniere der ersten Generation!

Auszug aus der Rede von Kai Wegner, Regierender Bürgermeister von Berlin anlässlich des Festaktes im Roten Rathaus.

Verwandte Artikel